Versunkene Bibliotheken: „Biblioteca international“ Formentera

7 Mai

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Wer als Zugezogener hier lebt, will nie mehr zurück in seine alte Heimat. Lieber reserviert er sich schon mal ein Plätzchen auf dem Friedhof von Sant Francesc. Seit 1997 liegt dort auch Robert „Bob“ Baldon aus den USA, der 1967 nach Formentera kam.

Einer Zeit, von der noch heute auf der Balearen-Insel geschwärmt wird. Amerikanische Hippies waren die touristische Vorhut. Sie konnten mit Dollar bezahlen, hausten in Höhlen und in Frieden mit den Einwohnern. In der Folge belebten Künstler, Individualisten und jede Menge Freaks die Sommermonate und bastelten mit am „Mythos Formentera“. Heute erinnern lediglich die legendäre Fonda Pepe, eine Gitarrenbauschule und ein Hippiemarkt an diese Zeiten.

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Bob Baldon war kein Hippie. Er hatte als Architekt Supermärkte und Hochhäuser konzipiert und die kleine Insel und ihre relaxte Atmosphäre machten ihn zum Aussteiger. Sinn gab er dem Ganzen durch den Aufbau einer Bücherei. Schräg gegenüber der Fonda Pepe wuchs durch seine Sammlung die „Biblioteca Internacional“. 30.000 Bücher in einem Dutzend Sprachen kamen in 30 Jahren zusammen. Wer das Glück hatte, ihn und sein Haus kennen zu lernen, wird sich an einen charismatischen Mann erinnern. Zurückhaltend, bedächtig und sorgfältig in seinem Reden und Tun. Jedes (gegen eine kleine Gebühr) ausgeliehene Buch schlug er in Zeitungspapier ein, so dass es die Lektüre am Strand unbeschädigt überstehen konnte. Zur Aktualität des Bestandes trugen viele Leser bei, indem sie ihre mitgebrachte Urlaubslektüre vor der Abreise der Bibliothek vermachten.

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Und wer Bobs Vertrauen gewann, dem zeigte er hinterm Haus die Sammlung seiner Lebensgefährtin. In unzähligen Tiegeln und Töpfen wuchs und blühte dort eine Bibliothek der Insel-Flora.

Als er 1997 plötzlich starb, verschwand mit ihm die „Biblioteca International“ und Formentera, als Ort genussvollen Lesens, verarmte von einem Tag auf den anderen. Jahrelang lagerten die Bücher in Kisten in einer Schule. 1999 gründete sich der Verein „Asociación Amig@s de la Biblioteca Internacional de Formentera“, um das kulturelle Erbe von Bob Baldon wiederzubeleben. Mit Erfolg: auf Formentera entstand ein modernes Kulturzentrum, in das die öffentliche Bibliothek der Insel einzog.

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Und darin finden sich einige Regale mit Büchern aus dem Bestand der ehemaligen „Biblioteca international“, die die Erinnerung an Bob Baldons Werk wachhalten.

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P.S.: Zu Mythos von Formentera gehört auch, das Inselbesucher wie Nina Hagen , Bob Dylan, Chis Rea, Pete Sinfield (King Crimson ) Bobs Bibliothek besucht haben sollen, was vermutlich (angesichts der Popularität des Selfmade-Bibliothekars) stimmen wird.

P.P.S.: Bobs letzte Ruhestätte erhielt am23. April 1998, dem internationalen Tag des Buches, einen Grabstein in Form eines aufgeschlagenen Buches.

Bisher erschienen in der Reihe „Versunkene Bibliotheken“:

Bayern München

Die Titanic

Nationalbibliothek Bosnien und Herzegowina

Die Universitätsbibliothek von Löwen

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