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Versunkene Bibliotheken! Heute: FC Bayern München

12 Aug

„Playstation oder Goethe?“, fragten Journalisten einst Lukas Podolski hinterhältig, als er zeitweise bei den Bayern spielte. Hintergrund der Frage war die neue Bibliothek des Vereins.

In der ersten Woche der aktuellen Bundesliga-Saison gehen heute die Gedanken zurück an die legendäre Klinsmann-Bibliothek. Wir erinnern uns an den Juli 2008. Jürgen Klinsmann ist gerade mal 7 Tage Trainer beim FC Bayern und der Verein begrüßt ihn mit einem funkelnagelneuen Leistungszentrum für die Kicker. Der 15 Millionen Euro teure Bau wurde nach Klinsmanns Wünschen gestaltet.

Weltweit hatte sich der Trainer zuvor bei Top-Sportvereinen umgesehen. Für München war nur das Feinste gut genug. Fittnessparcous, Lounges, ein Familyroom, Learningroom (u.a. für Fremdsprachen). Das Ganze garniert mit Buddha-Statuen. Obendrauf der Clou: eine Bibliothek. „Eine Mischung aus gehobener Weiterbildungsstätte und Wohlfühloase“, resümierte Welt Online. Und Klinsi wurde nicht müde zu predigen, wie wichtig die Arbeit im mentalen Bereich ist. Herzstück des Buchbestandes waren die 100 Bände der „SZ Bibliothek“, Fußballbücher hingegen waren nicht vertreten. Journalist Ulf Poschardt stellte prompt einem Bezug zwischen Ballbehandlung und den großen Büchern des 20. Jahrhunderts her:

„Moderner Fußball ist intelligent, schreiben die studierten Fußballkritiker gerne. Zweifelhaft ist, ob diese Intelligenz dem Spiel und seinen Spielern von außen gegeben werden kann oder ob zu viel Hochtrabendes dem „emporkömmlichsten“ (R. Walser) Stürmer im Strafraum den Torinstinkt verräumt. Wenn Klinsmann scheitert, wäre dies ein später Triumph für die Literatur des 20. Jahrhunderts. Sie wollte stets gegen ihre gesellschaftliche Instrumentalisierung anschreiben. Sie wollte, so Walser, „der Kultur entrücken“.“

 Wir wissen, wie es ausging: nach zehn Monaten wurde Klinsi im April 2009  mangels Erfolgs auf dem Rasen gefeuert. Hohn und Spott ergoss sich über seine Bibliothek. Einer hat es von Beginn an gewusst. Lukas Poldoskis entschied sich für….: „Playstation natürlich!“ Und hatte lachend ergänzt: „Wer ist Goethe?“

 P.S.: Eine der ersten Amtshandlungen von Klinsmann Nachfolger Louis van Gaal war die Abschaffung der Bibliothek. Es ist nicht überliefert, was mit dem Buchbestand geschehen ist!?

P.S.S.: Vielleicht wäre die Fußballgeschichte anders verlaufen, hätte Klinsi sich bei Bibliothekarinnen Rat geholt. Sie wissen, wie kleine und große Jungs an Büchern Geschmack finden. Alles beginnt mit dem Vorlesen! Und vielleicht hätten sie Klinsi dieses Video ans Herz gelegt.

gp

Versunkene Bibliotheken: „Biblioteca international“ Formentera

7 Mai

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Wer als Zugezogener hier lebt, will nie mehr zurück in seine alte Heimat. Lieber reserviert er sich schon mal ein Plätzchen auf dem Friedhof von Sant Francesc. Seit 1997 liegt dort auch Robert „Bob“ Baldon aus den USA, der 1967 nach Formentera kam.

Einer Zeit, von der noch heute auf der Balearen-Insel geschwärmt wird. Amerikanische Hippies waren die touristische Vorhut. Sie konnten mit Dollar bezahlen, hausten in Höhlen und in Frieden mit den Einwohnern. In der Folge belebten Künstler, Individualisten und jede Menge Freaks die Sommermonate und bastelten mit am „Mythos Formentera“. Heute erinnern lediglich die legendäre Fonda Pepe, eine Gitarrenbauschule und ein Hippiemarkt an diese Zeiten.

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Bob Baldon war kein Hippie. Er hatte als Architekt Supermärkte und Hochhäuser konzipiert und die kleine Insel und ihre relaxte Atmosphäre machten ihn zum Aussteiger. Sinn gab er dem Ganzen durch den Aufbau einer Bücherei. Schräg gegenüber der Fonda Pepe wuchs durch seine Sammlung die „Biblioteca Internacional“. 30.000 Bücher in einem Dutzend Sprachen kamen in 30 Jahren zusammen. Wer das Glück hatte, ihn und sein Haus kennen zu lernen, wird sich an einen charismatischen Mann erinnern. Zurückhaltend, bedächtig und sorgfältig in seinem Reden und Tun. Jedes (gegen eine kleine Gebühr) ausgeliehene Buch schlug er in Zeitungspapier ein, so dass es die Lektüre am Strand unbeschädigt überstehen konnte. Zur Aktualität des Bestandes trugen viele Leser bei, indem sie ihre mitgebrachte Urlaubslektüre vor der Abreise der Bibliothek vermachten.

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Und wer Bobs Vertrauen gewann, dem zeigte er hinterm Haus die Sammlung seiner Lebensgefährtin. In unzähligen Tiegeln und Töpfen wuchs und blühte dort eine Bibliothek der Insel-Flora.

Als er 1997 plötzlich starb, verschwand mit ihm die „Biblioteca International“ und Formentera, als Ort genussvollen Lesens, verarmte von einem Tag auf den anderen. Jahrelang lagerten die Bücher in Kisten in einer Schule. 1999 gründete sich der Verein „Asociación Amig@s de la Biblioteca Internacional de Formentera“, um das kulturelle Erbe von Bob Baldon wiederzubeleben. Mit Erfolg: auf Formentera entstand ein modernes Kulturzentrum, in das die öffentliche Bibliothek der Insel einzog.

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Und darin finden sich einige Regale mit Büchern aus dem Bestand der ehemaligen „Biblioteca international“, die die Erinnerung an Bob Baldons Werk wachhalten.

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 gp

P.S.: Zu Mythos von Formentera gehört auch, das Inselbesucher wie Nina Hagen , Bob Dylan, Chis Rea, Pete Sinfield (King Crimson ) Bobs Bibliothek besucht haben sollen, was vermutlich (angesichts der Popularität des Selfmade-Bibliothekars) stimmen wird.

P.P.S.: Bobs letzte Ruhestätte erhielt am23. April 1998, dem internationalen Tag des Buches, einen Grabstein in Form eines aufgeschlagenen Buches.

Bisher erschienen in der Reihe „Versunkene Bibliotheken“:

Bayern München

Die Titanic

Nationalbibliothek Bosnien und Herzegowina

Die Universitätsbibliothek von Löwen

Versunkene Bibliotheken: Nationalbibliothek Bosnien und Herzegowina

28 Jun

Heute vor 100 Jahren fielen die Schüsse, die nach gängiger Geschichtsschreibung den 1. Weltkrieg auslösten. Nach einem Besuch des Rathauses von Sarajevo starben der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand und seine Frau Sophie durch ein Attentat, verübt durch den bosnisch-serbischen Nationalisten Gavrilo Princip.

Das Rathaus-Gebäude, vor 120 Jahre gebaut und bekannt unter dem Namen Vijećnica, gilt als bedeutendstes Bespiel des so genannten pseudo-maurischen Stils. Bedeutung erlangte das Haus ab 1947 als bosnische National- und Universitätsbibliothek mit einem Bestand von 1,5 Millionen Büchern.

Besiegelt wurde das Schicksal der Bibliothek in der Nacht zum 25. August 1992 durch den Feuerbefehl des serbischen Nationalisten Ratko Mladic. Brandgeschosse schlugen ins Dach der Bibliothek ein und setzten sie in Brand. Viele Einwohner von Sarajevo versuchten die Bücher aus den Flammen zu retten. Ums Leben kam dabei die Bibliotheksmitarbeiterin Aida Buturovic. Auch die herbeigeeilte Feuerwehr wurde beschossen. Asche und angebrannte Buchseiten flatterten über der Stadt. Nahezu der komplette Bestand wurde vernichtet.

Die Vijećnica war nicht die einzige Bibliothek, die von serbischen Nationalisten angegriffen wurde. Angriffe auf Archive, Museen und Bildungseinrichtungen sollten die Erinnerung an die große kulturelle Vielfalt des Landes zerstören.

Im Mai dieses Jahres wurde das Haus feierlich wieder eröffnet. Heute sind darin Teile der Stadtverwaltung und der Nationalbibliothek sowie ein Café untergebracht. Und es soll als Aufführungsort für Konzerte und Veranstaltungen dienen. Vor allem aber soll es als Symbol für die reichhaltige Diversität Sarajevos neuen Glanz verbreiten.

gp

Bisher in der Rubrik „Versunkene Bibliotheken“:

Bayern München

Die Titanic