Stellen sie sich folgendes vor: Ihre Küche ist bereits 30 Jahre alt und inzwischen ziemlich heruntergerockt. Es muss etwas Neues her. Also alle alten Möbel raus, die Tapeten von den Wänden, Wasser- und Elektrizität müssen auf den neuesten Stand gebracht werden. Mit der Sanierung stellt sich zugleich die Frage: Für wen soll die neue Küche wie aussehen? Soll die neueste Technik hinein, also Induktionsherd, Pyrolyseofen, Thermomix und Kühlschrank mit Internetanschluss?
Viele Fragen und viele Möglichkeiten. Ein bisschen geht es auch uns so – den Mitarbeitenden der Zentralbibliothek, die im Sommer 2024 aus dem sanierungsbedürftigen Josef-Haubrich-Hof ins Interim in der Hohe Straße gezogen sind. Ebenso den Kolleginnen und Kollegen der Stadtteilbibliotheken oder des Bücherbusses. Wenn voraussichtlich 2028 die Karawane wieder zurück ins frisch sanierte Gebäude der Zentralbibliothek zieht, wenn die sanierte Stadtteilbibliothek in Neubrück wiedereröffnet und wenn wir uns die gesamte Bibliothekslandschaft der Stadt anschauen: was erwartet uns in nächster Zukunft? Welche Inhalte wollen wir wie anbieten?
Dritter Ort, Dachterrasse, Dom-Blick, und sonst?
Die Stadtteilbibliotheken wie auch die Zentralbibliothek sollen mehr und mehr als „Dritter Ort“ funktionieren. Der Dritte Ort ist ein Platz, an dem Sie als Besuchende sich so wohl fühlen sollen wie daheim oder (hoffentlich auch) auf der Arbeit. Es sind schließlich die Orte, an denen wir Alle die meiste Zeit verbringen. Sie sollen gerne zu uns kommen, Freund*innen treffen, gemeinsam lernen und spielen. Nicht nur Bücher ausleihen, sondern zum Beispiel – aus der Bibliothek der Dinge – eine Eismaschine mit nach Hause nehmen, wo Sie in Ihrer renovierten Küche 14 Tage lang Erfrischungen produzieren können. Wir versprechen: Die vom niederländischen Architekten Aat Vos geplante Zentralbibliothek wird umwerfend gut aussehen und viel mehr als zuvor anbieten, inklusive Dachterrasse mit Dom-Blick. Dass Vos es kann, hat er bereits mehrfach bewiesen: hier, hier und natürlich in unserer Stadtteilbibliothek Kalk.
Bleibt die Frage: Und sonst? Genauer gesagt, mit welchen Inhalten, Themen wollen wir diese Bibliotheken mit Leben füllen? Was erwarten Sie eigentlich als Besucher*in von Ihrer Stadt(teil)bibliothek? In drei Workshops – einen im Januar, zwei im Juli 2026 – hat sich das gesamte Team der Kölner Stadtbibliothek zusammengesetzt und sich kreativ über die passende „Kücheneinrichtung“ Gedanken gemacht.
Ein neues Konzept für unsere Bibliotheken entwickelt man nicht mal eben so. Dass wir überhaupt die Möglichkeit und den Freiraum zum „Herumspinnen“ hatten, verdanken wir dem Programm „Übermorgen – Neue Modelle für Kulturinstitutionen“. Die Kulturstiftung des Bundes hatte mit dieser Initiative Kulturinstitutionen wie Museen, Theater und Bibliotheken dazu eingeladen, neue Modelle für ihre Arbeit zu erschaffen, um sich zukunftssicher aufzustellen. Unter den 50 Institutionen, die in der ersten Phase ausgewählt wurden und gefördert werden, ist auch die Stadtbibliothek Köln. Das Projekt wird gerahmt durch professionell organisierte Zukunftsforen sowie gemeinsame internationale Inspirationsreisen Es stehen Fördermittel bereit für die Durchführung des eigenen Projekts, zum Beispiel für Personalworkshops, Befragungen und Recherchefahrten. So konnten wir uns gut gerüstet auf die Reise in die Zukunft begeben. Profi-Reisebegleiter sind unter anderem zwei Mitarbeitende aus dem „Innovationsbüro der Stadt Köln“.
Übermorgen hat bereits begonnen
Der vom Zukünftekollektiv future probes moderierte Workshop im Januar projizierte die Stadtbibliothek in das Jahr 2046. Vier mögliche Szenarien waren vorgegeben, die insgesamt eher düster angelegt waren. Klimakrise, Demokratiekrise, leere Kassen und die Macht der Social Media-Riesen waren der Rahmen, in dem die Stadtbibliothek ihren neuen Platz finden sollte. Auf großen Blättern wurden teils kühne Entwürfe skizziert, die sich der Düsternis mit Optimismus entgegenstemmten.
Wenn man die Wünsche und Ideen, die an dem Tag zusammengetragen wurden, in ein Gesamtbild packt, sähe die Stadtbibliothek 2046 so aus:
Sie wäre eine Art Multifunktionshalle auf vier Rädern, die sich nach Belieben aufpumpen und wieder zusammenfalten lässt, mit verschiebbaren Inneneinrichtungen, die sich den Bedarfen der Nutzenden jeweils anpassen lassen. Die Bibliothek ist ein Leuchtturm, der seine Position beliebig oft ändert, ohne die Boote der wissensdurstigen Kölner*innen fehlzuleiten. Mal leuchtet das Licht unserer Einrichtung im Park, mal in Kellern, mal in Seniorenheimen, Gefängnissen oder in Flüchtlingsunterkünften.
Die Stadtbibliothek ist aber auch ein Baum, komplett verwurzelt und vernetzt mit Institutionen, anderen Bibliotheken, Vereinen, Sozialeinrichtungen, Häusern der Bildung und der Kultur, bis hinein ins private Wohnzimmer oder in Underground-Archive. Das Angebot ist überaus verlockend, denn es ist rund um die Uhr geöffnet und kann kostenlos genutzt werden. Alles ist flächendeckend finanziert durch die Kommune, entwickelt von den Mitarbeitenden gemeinsam mit den Besuchenden. Damit wird die Rolle der Bibliothek als demokratische und für die Stadtgesellschaft unverzichtbare Einrichtung gestärkt. Mitarbeit von Bürger*innen wird belohnt und gewürdigt, die Transformation der Bibliothek ist gemeinsame Arbeit zwischen den Bibliotheken und der Stadtgesellschaft.
Sie lachen? Ja, wir auch. Aber das Schöne an wild gesponnenen Utopien ohne Schere im Kopf ist, dass sie sich anschließend gern in Realitäten einschleichen. Erst in Gedanken, dann in Worten und Taten: Ja, so kann es klappen!
Zwei Themen haben sich im weiteren Brainstorming ergeben, die für uns Sinn machen. Im Fokus standen die Begriffe Kooperation und Beteiligung. Das war von da an unser Fokus.
Kooperation und Beteiligung (bis nach Düsseldorf)
Mit diesem Vorhaben sind wir im Juli in zwei weitere Workshops mit dem gesamten Bibliotheksteam gegangen. Wir wollen die anstehenden Veränderungen nicht alleine schultern. In Zeiten schwieriger Haushaltslagen würde uns das ebenso überfordern wie die Tatsache, dass wir uns zwar gut auskennen in der Bibliothekswelt, aber beispielsweise wenig Expertise in Sachen Sozialarbeit oder Pädagogik besitzen. Also „Kooperation“. Gemeinsam mit anderen Einrichtungen der Stadtgesellschaft können wir so einen freundlichen offenen Ort für möglichst alle Kölner*innen schaffen. Ein Platz, der Lernen ermöglicht, aber auch das Kennenlernen.
Im ersten Workshop haben wir zusammengetragen, was in der Vergangenheit bereits alles an punktueller wie langlebiger Zusammenarbeit in den Stadtteilbibliotheken wie der Zentralbibliothek stattfand. Wir kamen auf eine erstaunliche Anzahl von Projekten. Diesen Weg wollen wir weitergehen, pflegen und ausbauen. Und dafür sind wir sogar bereit, vermeintliche „Feindbilder“ ins Reich der Legenden zu verbannen. Es gab bereits erste Treffen und konkrete Überlegungen, wie die Stadtbibliothek in Düsseldorf mit der Kölner Einrichtung kooperieren kann.
Und dann gibt es ja auch noch Sie, unsere Besucher*innen. Sie sind die Alltagsexpert*innen, auf deren Erfahrungen wir setzen und deren Wünsche wir hören möchten. Neue Modelle der Beteiligung sollen ausprobiert und ausgebaut werden. Dazu laden wir Sie demnächst häufiger und herzlich ein.
Haben Sie noch Fragen zum Projekt Übermorgen bei der Stadtbibliothek? Dann schreiben sie uns doch bitte!
https://www.stadt-koeln.de/service/onlinedienste/kontakt/?mt=43
Mehr Infos zum Förderprogramm
Gefördert in „Übermorgen – Neue Modelle für Kulturinstitutionen“, einer Initiative der Kulturstiftung des Bundes. Das Programm wird in Kooperation mit Bureau Ritter als Programmbüro durchgeführt. Die Kulturstiftung des Bundes wird gefördert von dem Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien.
Übermorgen − Neue Modelle für Kulturinstitutionen
Christian Scheuß
