Archive | Medientipps RSS feed for this section

Schon gelesen? Teil 52 – „Reiner Wein“

16 Jun

„Reiner Wein“ von P.G. Wodehouse

Britischer Humor ist trocken und aus dem Bauch heraus und einer der berühmtesten, britischen Humoristen ist P.G. Wodehouse.

Ich stieß auf ihn, als mein Interesse für Stephen Fry und Hugh Laurie zur populären Serie „Jeeves & Wooster“ führte, die auf Erzählungen von Wodehouse basiert.

Nach 23 sehr unterhaltsamen Folgen, wollte ich mehr über den Kopf hinter der Idee erfahren und was wäre da besser als eine Autobiografie des Autors?

„Reiner Wein“ ist keine Autobiografie im klassischen Sinne und deshalb hat das Buch den Zusatztitel „Biografische Ausschweifungen“. Wodehouse erzählt von seinen Anfängen im Berufsleben als Bankangestellter und wie es ihn zu seiner Berufung und dem Durchbruch als Autor führte.

Auf 215 Seiten schildert der Autor mit feinstem britischen Humor allerlei Anekdoten aus seinem Leben und animiert den Leser damit, noch mehr aus seiner Feder lesen zu wollen. In unserem Katalog findet man viele seiner Romane in deutscher Sprache, die meisten davon in der Onleihe.

Schon gelesen? Teil 51 – „Die Mitternachtsbibliothek“

2 Jun

„Die Mitternachtsbibliothek“ von Matt Haig

„Was und wenn sind zwei völlig harmlose Wörter. Aber setzt man sie nebeneinander haben sie plötzlich die Macht einen für den Rest des Lebens zu verfolgen. Was wenn…?“ – Briefe an Julia (Concorde Entertainment, 2010)

Jeder kennt wohl das Gefühl, nicht zu wissen, ob eine Entscheidung, die man getroffen hat, richtig war und fragt sich hin und wieder, was gewesen wäre, hätte man nicht diesen, sondern jenen Weg im Leben eingeschlagen. Nicht selten sind solche Überlegungen mit Schuld und Sorge verknüpft. Hätte man nicht diese Karriere gemacht, in einer bestimmten Situation anders reagiert, ein Familienmitglied öfter angerufen. Was wenn? Ein Gedankenspiel zu solchen Überlegungen bietet dieses Buch.

Nora hat einen schrecklichen Tag. Eigentlich läuft es schon seit Jahren furchtbar, sie hadert mit ihren Lebensentscheidungen, ist unglücklich und verzweifelt. Ihre Selbstzweifel und Schuldgefühle fressen sie innerlich auf. Als sie arbeitslos wird und am selben Tag ihr geliebter Kater überfahren wird, hält sie es nicht mehr aus und beschließt, sich das Leben zu nehmen.
Als sie zu sich kommt, findet sie sich in der Mitternachtsbibliothek wieder, quasi einer Wartehalle zwischen Leben und Tod. Hier ist es immer 12 Uhr und die Regale stehen voller Bücher. Jedes davon enthält ein Leben, wie es wäre, hätte sie andere Entscheidungen getroffen. Sie bekommt die Gelegenheit, all diese Leben auszuprobieren. Die Zeit kann sie nicht zurückdrehen, aber sie bekommt die Gelegenheit zu prüfen, ob sie heute glücklicher wäre, wenn sie doch mit ihrer besten Freundin nach Australien gegangen wäre, ihr Potenzial als Sportlerin voll ausgeschöpft, die Band ihres Bruders nicht kurz vor dem Plattenvertrag verlassen oder sich nicht von ihrem Verlobten getrennt hätte.
Nora muss sich auf dieser Reise durch mögliche Leben mit ihren Schuldgefühlen, Hoffnungen, Träumen, ihrer Reue und den Fragen „Was ist eigentlich Glück?“ und „Wer möchte ich wirklich sein? Und warum?“ auseinandersetzen.

Das Cover des Buches "Die Mitternachtsbibliothek" vor einem grauen Stoffhintergrund

Obwohl diese Fragen durchaus schwer wiegen können, schafft es dieses Buch, mit sehr viel Leichtigkeit und Fingerspitzengefühl mit ihnen umzugehen. Matt Haigs Roman ist ein Pageturner, der dazu einlädt, darüber nachzudenken, wie die eigene Mitternachtsbibliothek wohl aussehen und welche Bücher man dort vorfinden würde. Absolute Leseempfehlung!

Folg der Spur des Wassers: der Römerkanal-Wanderweg

27 Mai

Auf Hinterlassenschaften der Römer trifft man in Köln und Umgebung überall. Warum nicht mal der Route eines römischen Bauwerks folgen, das sich von Nettersheim in der Eifel bis nach Köln zieht? 

Um schönes frisches Quellwasser für Thermen & Co. in Colonia Claudia Ara Agrippinensium zu haben, bauten römische Ingenieure um das Jahr 80 n. u. Z. eine 120 Kilometer lange Wasserleitung, den Römerkanal. 

Der Römerkanal-Wanderweg folgt der Route dieser Wasserleitung, führt zu römischen Relikten – wie z. B. Aufschlüssen des Kanals oder Aquädukten – inklusive Infotafeln und vor allem durch die wunderschöne Eifellandschaft bis nach Köln. Dabei startet man im malerischen ruhigen Naturpark Nordeifel und arbeitet sich in sieben Etappen in eine immer städtischer werdende Umgebung bis ins quirlige Köln-Sülz vor.  

Bei den meisten der sieben Etappen sind Start- und Zielpunkt sehr gut an die Regionalbahn, den RE 22, angebunden. 

Bei ausgeprägtem technischen und kulturhistorischen Interesse kann man neben den Infotafeln den Wanderführer „Der Römerkanal-Wanderweg. Wie das Wasser laufen lernte“ zu Rate ziehen, der 2019 erschienen ist. 

Buch "Der Römerkanal-Wanderweg" und Handy mit geöffneter Komoot-App

Eine Beschreibung der Etappen ist auf der Website https://www.roemerkanal.de/ zu finden. Dort kann man sich auch die GPS-Daten herunterladen. Der Weg ist gut ausgeschildert.

Ich habe trotzdem immer gern die GPS-Daten bei mir und lasse mich vom Handy navigieren, auf das ich dafür nicht mal schauen muss. Dadurch hat man auch gleich ein Archiv der gemachten Touren, sieht auf einen Blick, wie viele Kilometer man schon zurückgelegt hat und wie weit es noch ist. Ich nutze dafür die App Kommot. Natürlich gibt es auch zahlreiche andere Apps und wer kein Handy mitnehmen möchte, kann auch ein GPS-Gerät nutzen, das man sich sogar in der Bibliothek ausleihen kann (im Online-Katalog findet man die Geräte, wenn man mit dem Stichwort „Navigationsgerät“ sucht).

Schon gelesen? Teil 50 – „One of us is lying“

20 Mai

„One of us is lying“ von Karen M. McManus

Mögt ihr Geheimnisse? Fiebert ihr bei der Aufklärung von Mordfällen mit? Dann könnte „One of us is lying“ von Karen M. McManus genau das richtige Buch für euch sein. Denn hier geht es um fünf Jugendliche, die alle mindestens ein Geheimnis haben. Oder vielmehr vier von ihnen, denn Simon ist derjenige, der die Fehltritte und Geheimnisse der anderen aufdeckt und das über seine App. Doch als er beim Nachsitzen plötzlich einen anaphylaktischen Schock bekommt und kurz darauf stirbt, geraten die vier anderen immer mehr in den Fokus der Ermittlungen. Denn Simon hatte für den nächsten Tag Enthüllungen über die vier in seiner App geplant. Und so stellt sich die Frage: Wer lügt?

Mir hat das Buch sehr gut gefallen, besonders, weil abwechselnd alle vier Beteiligten (Bronwyn, Nate, Abby und Cooper) zu Wort kommen und man sich so nicht nur dem Rätsel um Simons Tod immer weiter nähert, sondern auch allen Geheimnissen nach und nach auf die Spur kommt. Man weiß nicht, inwieweit man den Vieren trauen kann und so habe ich beim Lesen immer wieder versucht, hinter die Worte zu blicken, ob nicht vielleicht doch mehr dahinter steckt. Und trotzdem konnte ich nicht vermeiden, die Protagonist*innen zu mögen. Am Ende konnte mich die Autorin mit ihrer Auflösung erstaunen und begeistern.

Obwohl es ein Jugendthriller ist, kann der Roman durchaus auch erwachsene Leser*innen für sich einnehmen. Wer auf spannende Rätsel steht, kommt hier voll auf seine Kosten.

Das Buch könnt ihr nicht nur bei uns im Regal finden, sondern auch als eBook und eAudio in der Onleihe und wer es gerne auf Englisch lesen möchte, findet es zusätzlich bei Overdrive. Und wer danach noch nicht genug hat, kann bei uns auch den Nachfolgeband „One of us is next“ finden.

Krimireise durch Frankreichs Regionen

11 Mai

Bei dem aktuell trüben Wetter ist das Fernweh besonders groß. Man träumt von fernen, sonnigeren Orten. Getreu dem Motto „Lesen ist Reisen im Kopf“ unternehmen wir deshalb eine Krimireise durch verschiedene Länder und Regionen.

Wer mit auf die Reise gehen möchte, findet die Bücher und Hörbücher in der Bibliothek oder der Onleihe.

Wir starten im Nachbarland Frankreich, das mit seinen vielfältigen Regionen wunderbare Schauplätze für viele Kriminalgeschichten bietet.

Bild von tony knight auf Pixabay

Los geht es im Norden Frankreichs, in der Normandie.

Malerische Landschaften und die Küste mit ihren imposanten Kreidefelsen bieten eine traumhafte Kulisse für diverse Krimis. Im idyllischen Badeort Deauville spielt das kürzlich erschienene Buch „Schattenland“ von Benjamin Cors. Hierbei handelt es sich um den sechsten Band der Reihe um Personenschützer Nicolas Guerlain.

Benjamin Cors

Reihe: Nicolas Guerlain

  1. Strandgut
  2. Küstenstrich
  3. Gezeitenspiel
  4. Leuchtfeuer
  5. Sturmwand
  6. Schattenland

In der Normandie sind auch Philippe Lagarde und Kommissar Leblanc für die Aufklärung von Verbrechen zuständig.

Maria Dries

Reihe: Philippe Lagarde ermittelt

  1. Der Kommissar von Barfleur
  2. Die schöne Tote von Barfleur
  3. Der Kommissar und der Orden von Mont-Saint-Michel
  4. Der Kommissar und der Mörder vom Cap de la Hague
  5. Der Kommissar und der Tote von Gonneville
  6. Der Kommissar und die Morde von Verdon
  7. Der Kommissar und die verschwundenen Frauen von Barneville
  8. Der Kommissar und das Rätsel von Biscarrosse
  9. Der Kommissar und das Biest von Marcouf
  10. Der Kommissar und die Toten von der Loire
  11. Der Kommissar und die Tote von Saint-Georges
  12. Der Kommissar und der Teufel von Port Blanc

Catherine Simon

Reihe: Ein Fall für Kommissar Leblanc

  1. Kein Tag für Jakobsmuscheln
  2. Wintergäste in Trouville
  3. Bitterer Calvados
  4. Falsche Austern
  5. Kalter Hummer

Bild von Eric M. auf Pixabay

Weiter geht unsere Reise in die Bretagne. Die westlichste Region Frankreichs bietet mit ihren Gegensätzen zwischen rauer Küste, malerischen Stränden und beschaulichen Dörfern unter anderem die Kulisse für die Fälle von Kommissar Dupin, die bereits fürs Fernsehen verfilmt wurden. Für Juni ist „Bretonische Idylle“, der zehnte Band der Reihe, angekündigt.

Jean-Luc Bannalec

Reihe: Kommissar Dupin

  1. Bretonische Verhältnisse
  2. Bretonische Brandung
  3. Bretonisches Gold
  4. Bretonischer Stolz
  5. Bretonische Flut
  6. Bretonisches Leuchten
  7. Bretonische Geheimnisse
  8. Bretonisches Vermächtnis
  9. Bretonische Spezialitäten

„Im Zeichen der Triskele“ von Eva Bernier, „Späte Vergeltung“ von Emmanuel Grand und „Das dunkle Haus am Meer“ von Susanne Mischke sind ebenfalls Vertreter bretonischer Krimis.

Bild von RD LH auf Pixabay

Blau und lila sind die Farben, die die Buchcover vieler Provence-Krimis prägen. Autor*innen wie Sophie Bonnet, Christine Cazon, Remy Eyssen und Pierre Martin schicken ihre Protagonist*innen auf Ermittlungen, bei denen immer ein Hauch Meeresbrise und Lavendelduft mitschwingen.

Sophie Bonnet

Reihe: Pierre Durand

  1. Provenzalische Verwicklungen
  2. Provenzalische Geheimnisse
  3. Provenzalische Intrige
  4. Provenzalisches Feuer
  5. Provenzalische Schuld
  6. Provenzalischer Rosenkrieg
  7. Provenzalischer Stolz

Christine Cazon

Reihe: Kommissar Duval

  1. Mörderische Côte d’Azur
  2. Intrigen an der Côte d’Azur
  3. Stürmische Côte d’Azur
  4. Endstation Côte d’Azur
  5. Wölfe an der Côte d’Azur
  6. Das tiefe blaue Meer der Côte d’Azur
  7. Vollmond über der Côte d’Azur
  8. Lange Schatten über der Côte d’Azur

Anthony Coles

Reihe: Peter Smith

  1. Ein Gentleman in Arles – Mörderische Machenschaften
  2. Ein Gentleman in Arles – Gefährliche Geschäfte
  3. Ein Gentleman in Arles – Tödliche Täuschung

Remy Eyssen

Reihe: Leon Ritter

  1. Tödlicher Lavendel
  2. Schwarzer Lavendel
  3. Gefährlicher Lavendel
  4. Das Grab unter Zedern
  5. Mörderisches Lavandou
  6. Dunkles Lavandou

Julie Lescault

Reihe: Rosalie

  1. Rosalie und der Duft der Provence
  2. Rosalie und die Farben des Südens
  3. Rosalie und das Land des Lichts
  4. Mademoiselle Rosalie und der tote Chocolatier

Pierre Martin

Reihe: Madame le Commissaire

  1. Madame le Commissaire und der verschwundene Engländer
  2. Madame le Commissaire und die späte Rache
  3. Madame le Commissaire und der Tod des Polizeichefs
  4. Madame le Commissaire und das geheimnisvolle Bild
  5. Madame le Commissaire und die tote Nonne
  6. Madame le Commissaire und der tote Liebhaber
  7. Madame le Commissaire und die Frau ohne Gedächtnis

Cay Rademacher

Reihe: Capitaine Roger Blanc

  1. Mörderischer Mistral
  2. Tödliche Camargue
  3. Brennender Midi
  4. Gefährliche Côte Bleue
  5. Dunkles Arles
  6. Verhängnisvolles Calès
  7. Verlorenes Vernègues

„Stille Nacht in der Provence“ und „Ein letzter Sommer in Méjean“ sind weitere Provence-Krimis von Cay Rademacher, welche unabhängig von der Reihe um Roger Blanc erschienen sind.

Bild von Lars_Nissen auf Pixabay

Unsere Reise endet heute auf der Mittelmeerinsel Korsika. Zwischen Bergen und Meer ist Krimi-Schriftsteller Eric Marchand dem Verbrechen auf der Spur.

Vitu Falconi

Reihe: Ein Fall für Eric Marchand

  1. Das korsische Begräbnis
  2. Korsische Gezeiten
  3. Korsische Vendetta

Mit sonnigen Regionen geht es nächstes Mal weiter: Das nächste Ziel unserer Krimireise ist Spanien.

Das „Buch für die Stadt“ 2021 im Spiegel der Presse: Jackie Thomaes Roman „Brüder“

6 Mai

Jedes Jahr kürt eine Jury bestehend aus Kölner Stadt-Anzeiger, Literaturhaus und Vertreter*innen aus dem Kölner Buchhandel das „Buch für die Stadt“. Der Roman wird im Sommer in einer günstigen Sonderausgabe neu herausgegeben. Im Herbst wird das Buch dann Gegenstand vieler verschiedener Veranstaltungen in Köln und Umgebung. In diesem Jahr hat es Jackie Thomaes Roman „Brüder“ geschafft und wird uns also in den nächsten Monaten begleiten. 

2019 stand „Brüder“ bereits auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis, den dann aber doch Saša Stanišić mit „Herkunft“ gewann. 

Jackie Thomae, 1972 in Halle an der Saale geboren, Tochter einer ostdeutschen Mutter und eines Vaters aus Guinea, hat bereits mehrere Bücher – Ratgeber und zwei Romane – veröffentlicht und arbeitet außerdem als Journalistin. Ihr Roman „Brüder“ ist von der Presse gefeiert oder zumindest sehr positiv besprochen worden (alle überregionalen Zeitungen außer die NZZ) und verrissen worden (NZZ). 

Der Roman handelt von den Lebenswegen zweier sehr unterschiedlicher Männer, die nur ihr gemeinsamer Vater verbindet. Der Vater, ein Austauschstudent aus dem Senegal, bleibt den Brüdern lange Zeit unbekannt. Sie werden bei zwei unterschiedlichen Müttern groß, ohne voneinander zu wissen. Zwei Schwarze Jungen wachsen in der DDR auf – und ihr Leben und Streben verläuft komplett verschieden. Mick lebt in den Tag hinein, zieht durch die Berliner Clubs, ein sympathischer Hedonist, Charmeur und Taugenichts. Gabriel macht Karriere als Architekt in London, gründet eine Familie und wird Teil des steifen Gesellschaftslebens der gehobenen englischen Mittelklasse. 

Zwei Hände halten ein iPad auf dem Jackie Thomaes Roman "Brüder" als E-Book zu sehen ist

Positiv bemerken die Rezensentinnen, dass die Frage der Identität, die Frage der Hautfarbe eine so untergeordnete Rolle im Roman spielt. Für Marie Schmidt von der Süddeutschen Zeitung ist der Roman „deswegen so beeindruckend, weil es Thomae schafft, dass darin ‚race, class and gender‘ Thema sind und gleichzeitig nicht das Thema sind“. Auch „Fremdenfeindlichkeit in Ostdeutschland ist nicht das Thema des Romans“, stellt Katrin Bettina Müller in der taz fest: 

„Zwar erleben Idris [der Vater der Brüder] – als Student in Leipzig – und Mick – in den Nachwendejahren in Pankow – rassistische Übergriffe, ziehen es aber vor, die nicht zur grundierenden Erfahrung ihres Lebens zu machen. Das ist zwar einerseits eine Leistung von Verdrängung, die ihnen aber andererseits auch ihre Offenheit und Zugewandtheit erhält. Ob diese Konstruktion der Wahrnehmung ihrer Wirklichkeit womöglich auch eine Verklärung ist, um Anpassung zu erleichtern – darüber denken sie nach, aber nur gelegentlich.“ 

Immer wieder werden Parallelen zu angloamerikanischen Erzähltraditionen gezogen, die Paul Jandl in der Neuen Zürcher Zeitung allerdings für ein Missverständnis hält. Für ihn strotzt „Brüder“ nur so von Klischees, Oberflächlichkeit, Trivialitäten. „Ist das der Trommelwirbel eines positiven Rassismus oder einfach nur Quatsch?“, fragt er sich.

Die SZ dagegen feiert „Brüder“ als deutsches Pendant zur „Great American Novel“ (SZ).  „Brüder“ sei auf eine „angelsächsisch anmutende Art ungemein intelligent, humorvoll und unterhaltsam zugleich geschrieben und bringt damit eine sonst weitgehend fehlende Qualität in die deutsche Literatur ein“, findet auch Katharina Granzin in der Frankfurter Rundschau

Den Vergleich mit Zadie Smith findet man gleich mehrfach (DIE ZEIT, FAZ). Andrea Diener schreibt dazu: 

„So, da ist er, der Vergleich, es wundert einen, dass er nicht schon viel früher irgendwo gefallen ist. Er liegt auch auf der Oberfläche so nahe: Die eine Autorin jamaikanisch-britisch, die andere mit einer ostdeutschen Mutter und einem Vater aus Guinea, beide aufgewachsen in Europa. Aber die Sache geht tiefer, denn beide, Smith wie Thomae, haben sich für das Prinzip des Erzählens entschieden und füllen ihre Bücher mit überbordenden, fiktionalen Biographien, beide haben ein Händchen für und einen sehr genauen Blick auf Lebensläufe und Zeitgeistumstände und einen Humor, der nie ins Zynische kippt – um jetzt nicht auch noch das fürchterliche Wort „warmherzig“ zu verwenden, auch wenn es die Sache trifft.“

Soviel zu den Meinungen in der überregionalen Presse. Der Kölner Stadt-Anzeiger bespricht sein „Buch für die Stadt“ auch sehr positiv. Für Anne Burgmer ist „Brüder“ „ein großer deutscher Gesellschaftsroman, in dem Thomae mit erstaunlicher Leichtigkeit die schwierigsten Themen verhandelt“. 

Überwiegend positive Kritiken also, in denen die Leichtigkeit des Erzählers in eine angloamerikanische Tradition gestellt wird. Es ist auch im Kontext gesellschaftlicher Debatten zum Thema Identitätspolitik interessant, dass in allen Rezensionen thematisiert wird, dass es im Roman erstaunlich wenig um Rassismus geht, obwohl die Protagonisten doch Schwarz sind. Darf es in Deutschland etwa nur in Romanen mit Weißen Protagonist*innen um allgemeinmenschliche Themen gehen?

Hier gibt es also viel Diskussionsstoff. Genug Gelegenheit zum Diskutieren wird es im Laufe des Jahres geben. Wer schon jetzt anfangen möchte, sich ein eigenes Bild zu machen, findet das Buch natürlich in der Bibliothek, als Buch und E-Book

Schon gelesen? Teil 49 – „84 Charing Cross Road“ und „Die Herzogin der Bloomsbury Street“

5 Mai

„84 Charing Cross Road – Eine Freundschaft in Briefen“ und „Die Herzogin der Bloomsbury Street – Eine Amerikanerin in London“ von Helene Hanff

Auf der Suche nach interessanter Literatur über London stolperte ich über ein Buch der amerikanischen Autorin Helene Hanff. Die Wahl-New-Yorkerin war, wie ich, eine England- und Bücher-Närrin, die auf der Suche nach Büchern von britischen Autoren auf eine Anzeige der Londoner Buchhandlung „Marks & Co.“ stieß. Da sie antiquarische Bücher bevorzugte, die zugleich günstig waren und die Geschichte der Vorbesitzer in sich trugen, schrieb sie die Buchhandlung 1949 an und nannte ihnen ein paar Titel, an denen sie Interesse hatte.

Einer der Mitarbeiter, Frank Doel, antwortete ihr ein paar Wochen später und schickte ihr direkt ein paar der gewünschten Titel zu.

In „84 Charing Cross Road – Eine Freundschaft in Briefen“ veröffentlicht Helene Hanff den Briefwechsel zwischen ihr und Doel, dessen Ehefrau und auch einiger anderer Mitarbeiter*innen von Marks & Co., der sich über einen Zeitraum von ca. 20 Jahren aufrecht erhält.

Was mit einer einfachen Anfrage beginnt, entwickelt sich zu einer Freundschaft mit dem Ziel der Autorin, einmal ihr geliebtes London zu besuchen und damit auch die Buchhandlung.

1971 schafft sie es endlich, sich ihren Traum zu erfüllen.

In „Die Herzogin der Bloomsbury Street – Eine Amerikanerin in London“ erzählt sie in Tagebuchform, was sie dort erlebt.

Der Film „Zwischen den Zeilen“ mit Anne Bancroft als Helene Hanff und Anthony Hopkins als Frank Doel ist sehr sehenswert und meiner Meinung nach wundervoll umgesetzt.

Die Bücher und der Film können unabhängig voneinander genossen werden, ergeben aber ein schönes Gesamtbild dieser besonderen Freundschaft.

Schon gelesen? Teil 48 – Ein Leben in Extremen – das literarische Debüt von Tennisprofi Andrea Petković

28 Apr

„Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht“ von Andrea Petković

Autorinnen und Autoren, die über Sport geschrieben haben, fallen mir einige ein – aber Sportler*innen, die literarisch schreiben? 

Die ehemalige Top-Ten-Tennisspielerin Andrea Petković hat letztes Jahr einen Erzählband veröffentlicht – und er ist fantastisch! Ich schaue kein Tennis, spiele kein Tennis und doch haben mich die Erzählungen, die alle autobiographisch sind und im Paralleluniversum des Profi-Tennis spielen, eingesogen in diese fremde Welt. Dabei geht es um viel mehr als Tennis.

Andrea Petkovic
Andrea Petkovic, CC BY-SA 2.0, Tatiana

Erzählt wird eine Coming-of-Age-Geschichte: wie es ist, als Kind eines serbischen Vaters und einer bosnischen Mutter in Darmstadt aufzuwachsen. Der Vater ist Tennistrainer und schuftet von morgens bis abends – bis die Familie es geschafft hat: Das Reihenhaus wird für Petković Zeichen des Ankommens in der deutschen Gesellschaft. Bald rollt die kleine Andrea nicht mehr das R, strengt sich in der Schule besonders an und aus dem Spiel auf dem Tennisplatz wird Ernst. Nicht auffallen und gleichzeitig die Beste sein wird zum ihrem Mantra. 

Und Literatur wird Andrea Petković, die bereits als Jugendliche ständig von Turnier zu Turnier reist, zur treuen Begleiterin: David Foster Wallace und Philip Roth sind ihre TOP 2, irgendwo dahinter folgen Haruki Murakami, Jonathan Franzen, Dostojewski, Zadie Smith, Sylvia Plath, Odessa Moshfegh und Virginia Woolf. 

Andrea Petković ist eine leidenschaftliche Sportlerin, kompetitiv, emotional – für ihre Wutausbrüche und das Zertrümmern ihrer Schläger ebenso bekannt wie für den „Petko Dance“, wenn sie gewonnen hat. Auch ihr Erzählen lebt von Extremen. Dabei macht Petkovićs Stil der Kontrast aus: Fast schon weise essayistische Passagen über Literatur, Freundschaft, Rivalität, Selbstzweifel und Größenwahn oder den Mut zur Hässlichkeit gehen über in ihren manchmal schnoddrigen Ton, wobei sie immer einen empathischen Blick auf ihre Figuren wahrt. Oft ist das witzig. Und oft wird man nachdenklich. Auf jeden Fall aber wird man am Ende „andrea petkovic vs maria sharapova“ bei Youtube eintippen. 

Andrea Petković, Zwischen Ruhm und Ehre liegt die Nacht. Erzählungen. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 2020. Als Buch und E-Book in der Bibliothek. 

Literatur für alle – Texte in Einfacher Sprache

21 Apr

„Ich heiße Ismael.

Ich habe fast kein Geld mehr.

Und ich habe genug vom Leben an Land.

Ich will hinaus aufs Meer.

Als Matrose. Auf einen Walfänger.

Das ist ein Schiff, mit dem man Wale jagt.

Ich bin sehr neugierig auf diese riesigen Tiere.“

Aus welchem Roman war das nochmal? Das ist natürlich der Anfang von „Moby Dick“ von Herman Melville.

Und doch ist der Text irgendwie … anders. Es handelt sich nicht um das Original, sondern um eine Version in Einfacher Sprache (Herman Melville: Moby Dick. In Einfacher Sprache. Spaß am Lesen Verlag: Münster 2018).

Leichte Sprache, Einfache Sprache – was ist das?

Leichte Sprache folgt einem festen Regelwerk (wobei es mehrere gibt, z. B. die Regeln des Netzwerks Leichter Sprache oder die Empfehlungen von Inclusion Europe). Leichte Sprache verwendet kurze Sätze (maximal sieben Wörter pro Satz), keine Passivkonstruktionen, keinen Konjunktiv und keine Fremdwörter. Der Text soll übersichtlich gegliedert sein, so steht beispielsweise jeder Satz in einer eigenen Zeile.

Einfache Sprache ist demgegenüber ein wenig freier. Hier werden die Regeln der Leichten Sprache als Empfehlung verstanden. In einem Text in Einfacher Sprache wird vielleicht auch einmal der Konjunktiv verwendet oder nicht jeder Satz steht in einer eigenen Zeile.

An wen wendet sich die Leichte/Einfache Sprache?

Die Leichte Sprache soll Menschen das Verstehen von Texten erleichtern, die aus verschiedensten Gründen über eine geringere Kompetenz in der deutschen Sprache verfügen. Das können Menschen mit Lernschwierigkeiten sein genauso wie Menschen mit Demenz, mit einer anderen Muttersprache oder funktionale Analphabet*innen.

Laut BITV 2.0 (Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung) muss jede öffentliche Stelle wesentliche Informationen auch in Leichter Sprache bereitstellen, was die Stadt Köln auch tut.

Literatur in Einfacher Sprache

Seit einigen Jahren bietet die Stadtbibliothek Literatur in Einfacher Sprache an (einfach mal in unserem Katalog mit „einfache sprache“ suchen). Die meisten Titel stehen im Fachgebiet „Sprache“ in der „Zentralbibliothek“.

Es kann sich dabei um Adaptionen klassischer oder zeitgenössischer Texte handeln oder um Texte, die im Original in Einfacher Sprache geschrieben sind.

Dabei ermöglicht Leichte/Einfache Sprache auch denjenigen Menschen einen Zugang zu Literatur, denen dieser bislang versperrt war. Die Schriftstellerin Alexandra Lüthen schreibt in ihrem Plädoyer für Leichte Sprache „Allen eine Chance“, das 2019 im Duden Verlag erschienen ist:

„Lesen war im Fall von Menschen mit Behinderungen etwas für andere, im Fall von Menschen mit degenerativen Gehirnerkrankungen etwas, das man früher gern gemacht hat, jetzt aber nicht mehr kann, bei den Deutsch-als-Zweitsprache-Lesern etwas, für das man erst noch besser Deutsch lernen muss, und bei Menschen mit funktionalem Analphabetismus erfahrungsgemäß etwas, das mit Scham verbunden ist. Ein Großteil dieser Menschen würde aber gern lesen […]“ (S. 47).

Und das ist auch möglich! Besonders beeindruckend ist das Projekt, das das Literaturhaus Frankfurt am Main mit der Anthologie „LIES. Literatur in Einfacher Sprache“ vorstellt (auch als E-Audio): Hier hat man namhafte Autor*innen wie Arno Geiger, Judith Hermann oder Olga Grjasnowa gebeten, einen Text in Leichter Sprache beizusteuern. Entstanden ist eine für alle lesenswerte Anthologie von Kurzgeschichten, die den Vergleich mit Texten in Standardsprache nicht scheuen müssen.

Und natürlich gibt es in der Bibliothek neben dem erwähnten Band von Alexandra Lüthen auch andere Bücher, die sich theoretisch mit Leichter oder Einfacher Sprache auseinandersetzen, wie z. B. den „Ratgeber Leichte Sprache“.

Serientipp: Haikyu!!/Haikyuu

20 Apr

Für alle, die aktuell auf der Suche nach einer neuen Serie sind, habe ich hier die perfekte Mischung aus Spannung, Motivation, Mitfiebern, Humor und epischen Momenten: Haikyu!! (oder auch Haikyuu) ist die animierte Version des gleichnamigen Mangas von Haruichi Furodate.

Haikyu!!-Mangas sind in der Stadtbibliothek unter 22.5 Furudate zu finden.

Aktuell gibt es von der Serie vier Staffeln, wovon die ersten drei auf Netflix verfügbar sind, die vierte findet sich auf Crunchyroll und Wakanim. Haikyu bedeutet aus dem Japanischen übersetzt „Volleyball“, es handelt sich also um eine Volleyball-Animeserie. HALT! Nicht weglaufen!

Auch wer jetzt sagt: „Ich kann mit Animes nichts anfangen“ oder „Sport-Animes sind nichts für mich“ (das war auch meine erste Reaktion), sollte dieser Serie trotzdem eine Chance geben! Warum, erzähle ich später noch.

Zunächst einmal zum Inhalt:
Die Serie erzählt die Geschichte des Hauptcharakters, Shoyo Hinata, dessen Leidenschaft für Volleyball geweckt wurde, als er die Übertragung eines Meisterschaftsspiels schaute. Ein Spieler, der ebenso klein war, wie er selbst, lieferte in diesem Spiel eine überragende Leistung und wurde als „kleiner Titan“ gefeiert. Davon angespornt, möchte er selbst Volleyball spielen. Leider gibt es an seiner Mittelschule (in Japan etwa die 6. bis 9. Klasse) kein Jungsteam und so trainiert er mit der Mädchenmannschaft, allein oder mit Freunden in den Pausen. Als ein Turnier ansteht, überredet er einige Freunde, mit ihm gemeinsam teilzunehmen. Die unerfahrene Mannschaft hat bereits im ersten Spiel überhaupt keine Chance, doch Hinata findet auf der anderen Seite des Netzes einen Rivalen fürs Leben. Den brillanten Zuspieler Tobio Kageyama, der seinerseits von Hinatas Schnelligkeit und Sprungkraft beeindruckt ist.
Als Hinata in die Oberschule (10. bis 13. Klasse) wechselt, wählt er natürlich die Karasuno-Schule, auf die auch der von ihm verehrte „kleine Titan“ ging. Hier stellt er zu seiner Überraschung fest, dass das Karasuno-Team schon seit Jahren nicht mehr als ernstzunehmender Gegner oder gar als Anwärter auf die Meisterschaft gilt. Zu Beginn wirkt die Mannschaft wie eine bunt zusammengewürfelte Truppe aus Individualisten, die nicht wirklich gut harmonieren. Zu allem Überfluss soll er nun mit seinem Erzrivalen Kageyama im selben Team spielen.
An dieser Stelle geht die Handlung so richtig los, es wird viel trainiert, gekämpft, gelacht, gestritten und es entstehen neue Freundschaften und Rivalitäten, sowohl innerhalb der Mannschaft von Karasuno als auch mit anderen Teams.

Das ist auch einer der Gründe, warum diese Serie so großartig ist. Es geht zwar um Volleyball, aber das dient eigentlich nur als Rahmen für die Entwicklung der zahlreichen unterschiedlichen komplexen Charaktere. Sie kämpfen mit Alltagsproblemen, die vielen vielleicht auch im eigenen Leben schon begegnet sind und es gibt in jedem von ihnen viel Identifikationspotenzial. Schwerpunktmäßig begleitet die Handlung das Team von Karasuno aber auch Charaktere aus anderen Teams, wie Nekoma, Aoba Johsai und anderen treten regelmäßig auf.

Die Animation ist enorm gut gelungen, die Sprecher liefern eine großartige Leistung und man wird förmlich die Handlung hineingesaugt. Die Serie bleibt dabei nah am realen Volleyball, natürlich mit einigen kleinen Kunstgriffen, aber sie schafft es ständig, nervenzerfetzende Spannung aufzubauen und den Zuschauer völlig mitzureißen. Man fühlt mit diesen Charakteren mit, sowohl die Verzweiflung bei Niederlagen als auch die absolute Euphorie bei Siegen.

Diese Serie ist in der Lage, so viel Motivation zu vermitteln, dass ein absoluter Sportmuffel (ich) das Gefühl hatte, sofort aufspringen und Sport machen zu wollen und das ist schon eine Leistung an sich. Außerdem illustriert sie wunderschön, wie sehr die Leidenschaft für eine Sache, sei es nun Volleyball oder etwas anderes, Menschen beflügeln und dazu bringen kann, über sich hinauszuwachsen.

Also, wer dieser Serie eine Chance gibt, kann nur gewinnen. Fliegt!