Tag Archives: Klaus Bittner

Ich lese gerade… Wolf Wondratschek

2 Jun
Copyright: Nikolaus Heidelbach

Klaus Bittner

Das Geschenk

Chuck, so hieß der Held in Wolf Wondratscheks legendärem Gedichtband „Chucks Zimmer“ aus dem Jahr 1974. Heute, im fortgeschrittenen Alter, blickt Chuck – Wondratscheks Alter ego – zurück auf sein Leben, auf vergebene Chancen und verpasste Gelegenheiten. Auf die 68er-Generation, Liebschaften, Drogen und die Bedeutung, die die Literatur für ihn hatte. Und auf das größte, wichtigste Geschenk, das er sich selbst gemacht hat, schaut er: seinen Sohn. Allerdings zeigt der 14 jährige die gleichen Symptome, die Chuck einst zum Rebellen werden ließen, er pfeift auf die elterlichen Wahrheiten und Ratschläge. Wie Chuck ist auch „das Arschloch der 80er“, wie Wondratschek sich einst selbst nannte, inzwischen altersweise geworden. Sein Ton ist behutsamer, seine Aussagen durchdachter, seine Prosa durchdrungen von Liebe zu seinem Sohn. Stellenweise sehr komisch, niemals kitschig, überhaupt nicht larmoyant, aber auch ein wenig traurig – so dürfen und müssen Erinnerungen sein. Wondratschek ist auf der Höhe seiner Kunst angekommen. Hanser Verlag, 17.90 €, 176 Seiten

 

 

 

Den Roman finden Sie in der Zentralbibliothek unter „U Wondratschek, Wolf “.

Ich lese gerade… Magda Szabó.

9 Mrz

Magda Szabó: Die Elemente

Copyright: Nikolaus Heidelbach

Klaus Bittner

Magda Szabó war die berühmteste Schriftstellerpersönlichkeit Ungarns, vor Marai, Esterhazy oder Kertész. In den 60iger und 70iger Jahren vor allem beim Insel Verlag in Frankfurt verlegt, geriet sie später in Deutschland in Vergessenheit. 2007 ist Magda Szabó im Alter von 90 Jahren verstorben.

Einer der Klassiker der ungarischen Literatur des 20. Jahrhunderts ist jetzt wieder erschienen im ersten Programm des neuen in Zürich und Berlin ansässigen Secession Verlags.

„Die Elemente“ ist ein Generationsroman, 1963 in Ungarn erschienen, ist eine ebenso luzide wie genaue Milieustudie der ungarischen Gesellschaft der zwanziger Jahre bis kurz nach dem Ende des 2. Weltkrieges, mit sehr feinem Blick auf die Individualität und Unverwechselbarkeit ihrer Romanfiguren.

Der Richter Vince Szöcs und seine Frau Etelka leben in einer Kleinstadt in Ostungarn. Der Richter wird 1923 zwangspensioniert, weil er sich weigert, 4 streikende Bauern zu verurteilen. Erst 1946 wird er rehabilitiert. Kurz darauf stirbt er. Seine kluge und tapfere Frau verliert nach seinem Tod den Halt, den ihr die Fürsorge und Organisation ihres gemeinsamen Lebens gegeben hat. Sie zieht zu ihrer Tochter nach Budapest.

Dann weinte sie lange, ratlos und voller Scham.“

In Budapest ist sie trotz der Fürsorge ihrer Tochter einsam. Sie macht alles falsch, kann mit den modernen Geräten nicht umgehen, blamiert ihre Tochter Iza, eine bekannte Ärztin. Doch die hat schon genug mit ihren beruflichen und privaten Problemen zu tun, so dass ihre gemeinsame Zeit in Budapest mit einem Fiasko endet. Etelka kehrt schließlich zurück in die Kleinstadt, den Ort, wo sie mit ihrem Mann ihr Leben lang gelebt hat.

Die Unglückselige glaubt, die Vergangenheit der Alten sei ein Feind, und bemerkt nicht, dass sie Erklärung, Maß und Deutung der Gegenwart ist.“

Auch heute noch fasziniert dieser Roman in seiner sprachlichen Konzentration, in wenigen Sätzen gelingen genau ausgeleuchtete Szenen des Alltagslebens.

Den Roman finden Sie in der Zentralbibliothek unter „U Szabó, Magda“.

Ich lese gerade…

28 Jan

Don Winslow, Tage der Toten

 

 

Copyright: Nikolaus Heidelbach

Klaus Bittner

 

Was für ein Krimi! 2 lange Nächte, fast 700 Seiten, rote Augen, ununterbrochen gelesen. Ärgerlich eine Schlaf- und Arbeitsphase eingeschoben. Weitergelesen bis zum Ende.

Art Keller, US-Drogenfahnder, braucht zähe Jahre, um in die Strukturen der mexikanischen Drogenmafia einzudringen, und um sich das Vertrauen einiger Bosse zu erkaufen. Von nun an arbeitet er – trotz seiner Erfolge – gegen die Widerstände seiner Behörde, ständig Gefahr laufend, aufzufliegen und draufzugehen. Seine Ehe scheitert, sein Privatleben geht vor die Hunde, doch er ist besessen davon, diesen Sumpf auszurotten. Erst recht, nachdem einer seiner Mitarbeiter brutal ermordet wird. Keller schwört Rache und wird immer perfider in der Wahl seiner Mittel. Damit macht er sich nur noch mehr Feinde in wichtigen Kreisen der USA (Iran-Contra Affäre), während nicht nur die Drogenbarone immer mächtiger, reicher und skrupelloser werden.

„Winslow ist einfach der Hammer“, schreibt James Ellroy, und was für ein Hammer. Mit Tage der Toten liefert er einen unglaublich spannenden, intelligenten Politthriller ab, der seinesgleichen sucht und zu Recht gerade als bester ausländischer Krimi 2010 ausgezeichnet worden ist. Ein absolutes Muss für jeden Krimileser.

Klaus Bittner

Don Winslows ‘Tage der Toten’ finden Sie bei uns unter der Signatur U *Krimi/Thriller* Winslow, Don

Ich lese gerade…

21 Dez
Copyright: Nikolaus Heidelbach

Klaus Bittner

William Faulkner, Licht im August

Was ist das, das einen veranlasst, ein Buch noch einmal zu lesen? Nach 25 Jahren. Man erinnert sich noch genau  an die Begeisterung, an all die körperlichen Reaktionen wie Hitze, Schwitzen, Atemlosigkeit und Fassungslosigkeit, wenn das Buch zu Ende ist und man erschöpft, aber auch erleichtert zurück bleibt. Und dass das gar nicht so häufig passiert in einem Leseleben. Aber dies gerade der Maßstab ist, den man eigentlich erwartet, immer wiederzufinden; bei jedem neuen Buch, bei jeder neuen Lektüre. Und ständig enttäuscht wird von der ewigen Flut an belanglosen Neuerscheinungen, die uns unterhalten und das ist ja immerhin auch schon etwas. Die uns allen aber als Sensation, als Jahrhundertbuch vom Markt der Verlage und des Feuilletons angepriesen werden. Und dann erscheint die Neuauflage dieses wirklich großen Jahrhundertsromans in einer neuen Übersetzung. Und du erinnerst dich wieder, schleichst drum herum, nimmst es endlich in die Hand und mit nach Hause und du bist für 3 Tage und Nächte verdorben für den Buchalltag. Und alles wiederholt sich. Und du bist wieder in Yoknapatawpha County in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderst, diesem Nest in Mississippi. Hitze, Staub, Dreck setzen die Poren zu, der Lärm des Sägewerks dröhnt in den Ohren. Die schwangere, obdachlose Lena Grove trottet  wie die Jungfrau Maria eine schier endlose  Landstrasse entlang auf der Suche nach dem Vater ihres Babys. Und allmählich werden alle Figuren Faulkners lebendig. Byron Bunch, der in Lena verliebt ist. Pastor Gail Hightower, dessen Frau auf mysteriöse Weise umgekommen ist und deshalb sein Amt niedergelegt hat. Joe Christmas, Arbeiter im Sägewerk, der eines Mordes beschuldigt , fliehen muss. Percy Grimm, der hasserfüllte Rassist. Und wie Faulkner die Handlung vorantreibt, immer wieder unterbrochen durch Rückblenden, ist meisterhaft. Armut, Bigotterie, religiöser Fanatismus, Rassismus des Südens prallen aufeinander in einem fulminanten Höhepunkt. Nur Lena Grove, mit ihrem ungeborenen Kind im Leib, zieht weiter, begleitet von Byron Bunch, nach Tennessee.

William Faulkners ‚Licht im August‘ finden Sie in der Zentralbibliothek auf der 2. Etage (Signatur: U Faulkner, William).

Ich lese gerade…

22 Nov
Copyright: Nikolaus Heidelbach

Klaus Bittner

Ricardo Piglia, Ins Weiße zielen

„In meiner Familie werden die Männer verrückt, sobald sie Väter sind.
Sieh dir meinen Vater an: Er hat seine Zweifel nie besiegen können. Er
wusste nur, dass er der Vater meines älteren Bruders war, und Lucio war
der Einzige, der ihm seine Wünsche erfüllte, außer bei der Wahl seiner
Frau.“

Erst jetzt fiel Renzi auf, dass sie in immer kürzeren Abständen ins Haus
ging. Wieder verschwand sie, und er konnte sehen, wie sie sich über
einen Glastisch beugte.

„Was machst du da?“, fragte er sie.
„Ein bisschen Salz“, antwortete sie grinsend, während sie sich einen
zusammengerollten Hundert-Peso-Schein in die Nase steckte und sich
erneut über den Tisch beugte.

„Sieh einer an, die Mädchen vom Dorf. Lässt du mich auch eine Linie
ziehen?“

In seinem neuen Roman entführt uns Ricardo Piglia in die trügerische
Ruhe der argentinischen Provinz. Während alle Welt glaubt, der schwule
Japaner Yoshio habe den Ausländer Durán getötet, entwickelt Kommissar
Croce mit Hilfe des aus Buenos Aires angereisten Journalisten Renzi
seine eigene Theorie: Waren es wirklich nur die körperlichen Reize der
Zwillingsschwestern Ada und Sofía Belladona, die Durán in die Pampa
gelockt haben? Was hatten deren Vater und Bruder, die Besitzer der
hiesigen Fabrik, mit dem Opfer zu schaffen? Piglia bietet alles auf, was
das Genre des Krimis ausmacht. Nichts ist so, wie es scheint.

Empfohlen von Klaus Bittner, Buchhandlung Klaus Bittner GmbH

Den Titel finden Sie in der Zentralbibliothek auf der 2. Etage (Signatur: U Piglia, Ricardo)!