Tag Archives: republica

re:publica 2015 – #rp15 – Tag 3

7 Mai

Darf man Endspurt schreiben, oder ist das zu uncool? Egal. Endspurt.

Wider die Bewilligungskultur im Netz

Leonhard Dobusch ist Juniorprofessor für Organisationstheorie in Berlin und aktivier Autor für netzpolitik.org. In seinem Talk widmet er sich kompliziertem Urheberrecht und der Tatsache, dass mir jede einzelne Plattform eigene ABG zum durchlesen überscrollen und abnicken abverlangt. Er handelt dabei verschiedene Streamingdienste ab, streift Bibliotheken (!) und landet bei der Remix-Kultur. Guckt Euch das an, ist schön orchestriert und sehr interessant.

3D printing in Katastrophengebieten

@andrewlamb stellt Field Ready vor. Das ist eine humanitäre Organisation, die ein großes Logistikproblem umgeht, denn sie stellt Hilfsgüter vor Ort her. Am Beispiel von Nepal sieht man aktuell, welche Bruchstellen in einer solchen Versorgungskette entstehen, wenn Güter wehen bürokratischer Hürden am Flughafen verrotten. Und auch sonst bergen Transportwege unvorhersehbare Tücken wie kaputte Straßen oder Fahrzeuge. Diese Ungewissheiten werden von Hilfsorganisationen teuer bezahlt: Logistik frisst 60-80 % ihres Einkommens.

Field Ready zieht seine Inspiration aus der Science-Fiction. Die Technologie des Replikators in Star Trek wird regelmäßig mit 3D-Druck verglichen, auch wenn noch gefühlte Lichtjahre dazwischen liegen. Dennoch, so Lamb: „Wir haben zwar keine Raumschliffe und Replikatoren – aber Flugzeuge und 3D-Drucker.“ Seine Vision ist, die komplette, fehleranfällige und teure Vertriebskette von Herstellern zum Feld zu übergehen, indem die Herstellung direkt im Feld platziert wird. Er nennt das hyper-local manufacturing & deployable makerspaces.

Andrew Lamb zeigt Nabelschnurklammern aus dem 3D-Drucker.

Andrew Lamb zeigt Nabelschnurklammern aus dem 3D-Drucker.

Und wie sieht das konkret aus? In Haiti hat es schon funktioniert, und zwar mit dem unscheinbaren Produkt „Nabelschnurklammer“. Das simple Plastikding hattet ihr wahrscheinlich schon alle umgetackert – es ist für die Säuglingsbehandlung ziemlich wichtig, da es Infektionen verhindert. Ohne die Vertriebskette und aus dem 3D-Drucker ist es 40% billiger herzustellen. Ganz zentral ist dabei laut Lamb, lokalen Makern Technologie und Software beizubringen, sodass sie möglichst unabhängig handeln können. Nun könnte man einwenden, dass ja auch das Filament für den Drucker eine Vertriebskette benötigt – Field Ready legt aber wert darauf auch Gerätschaften bereizustellen, mit denen andere Kunststoffe für den 3D-Druck recyclet werden können.

Ein inspirierendes Projekt. Wir fragen uns, inwiefern wir als Bibliothek etwas beitragen könnten.

Eingeschoben: Ein Talk zu der dunklen Seite des sog. E-Health. Wie würdet ihr diese Fragen beantworten?

Eingeschoben: Ein Talk zu der dunklen Seite des sog. E-Health. Wie würdet ihr diese Fragen beantworten?

Der Terminator in unserer Hosentasche

Jérémie Zimmermann fragt, wie man den Gegner „Überwachung“ bekämpfen (und ultimativ besiegen) kann. Aktuell scheint es ein ungleicher Kampf zu sein, denn er hat einen entscheidenden Vorteil: er ist unsichtbar. Als Schablone dient ihm die künstliche Intelligenz Skynet aus James Camerons Terminator (bei uns im Bestand unter Uv *Action* Terminator). Der einzige Unterschied zur Realität: Wir leben in keiner Atomapokalypse und es gibt (noch!) keine 100%ig autonomen Maschinen. Aber wir leben schon in einer Welt, in der Maschinen unfassbar viele Daten aggregieren und verarbeiten.

Zimmermann sagt „fuck privacy“ und meint damit, dass Privatheit nur ein Konzept, nur eine Idee sei. Kulturell konstruiert. Wichtiger sei der Schutz der Intimität, da sie es uns als einzige Möglichkeit erlaube, wirklich wir selbst zu sein. Denn Intimität erlebe man entweder alleine oder nur mit den Menschen, die man dafür bestimme. Und genau diese Intimität ist es, die von den Maschinen bedroht wird. Wie genau? Er nennt drei Aspekte zeitgenössischer Smartphones.

  1. Hyper-Zentralisierung. Bedeutet: Die NSA kann alles sehen, auch nicht abgesendete aber eingetippte Dinge.
  2. Komplexität. Nur sehr wenige Menschen verstehen, wie das Gerät bis zur Prozessorebene im Detail funktioniert. Doch wie will man die Macht über etwas zurückgewinnen, das wie Magie erscheint?
  3. Es gibt die Illusion von Sicherheit. Google und alle anderen beteuern stets, die Daten seien sicher bei ihnen.

Am eindrücklichsten ist vielleicht der Kauf von Boston Dynamics durch Google vor einiger Zeit. Boston Dynamics stellt (Kampf?-)Roboter her, die den Maschinen aus Terminator schon ziemlich nahekommen. Zimmermann fragt: Eine Kampfmaschine, die alle Daten hat – was kann da schon schiefgehen?

Wir fühlen uns angesichts dieser „Wunderwerke“ wie Sarah Connor im Film, sagt Zimmermann. Denn wir können das, was wir erleben und sehen, kaum fassen. Doch wie bekämpfen wir das? Mit Rohrbomben, so wie im Film? Er schweigt. Zuckt mit den Schultern. Der Saal lacht. Nein, er möge Rohrbomben nicht so gerne. Lieber sei ihm freie Software und 100%ig von uns kontrollierbare Computer. Und die wir verstehen.

Letztlich liefert Jérémie eine Brandrede, aber eine sehr imponierende.

Sie endet mit: Let’s crush those fuckers.

Fazit

Der Schlusssatz oben macht es noch einmal deutlich: die re:publica ist eine politische Veranstaltung. Die Stimmung der netzkulturell geprägten Beiträge war düster. Business spielt eine Rolle, aber eine untergeordnete. Die Makerkultur hatte mit dem Global Innovation Gathering (GIG) zum dritten Mal eine prominente Subkonferenz, deren Beiträge von Optimismus und viel Bewegung zeugten. Ansonsten muss sich die re:publica regelmäßig den Vorwurf gefallen lassen, bloß ein Ringelpietz der Berliner Netz-Schickeria zu sein. Diesen Eindruck können wir nicht bestätigen. Natürlich treffen sich dort alte Freunde und der Kern mag ein kleiner sein, aber gleichzeitig kommen kreative Ideenträger aus der gesamten Welt zusammen und atmen gemeinsam den Geist der digitalen Gegenwart. Tauschen sich aus. Machen auf sich aufmerksam.

Das darf nichts Schlechtes sein.

Darum kommen wir gerne wieder. Wenn wir dürfen.

cd & sa

re:publica 2015 – #rp15 – Tag 2

7 Mai

Zweiter Tag, zweite Runde eklektizistischer Internetspaß.

Bildungssystem der Zukunft

Jöran Muuß-Merholz spricht über das Bildungssystem der Zukunft und entwirft eine doch recht haarsträubende (weil pessimistische) Timeline der nächsten Zahn Jahre. Sie sieht ungefähr so aus:

  • 2015 geht es darum, die mediale Kontrolle über Schüler zurück zu gewinnen. Bedeutet: Smartphone-Verbot, Peilsender auf dem Klo und spezielle Filtersoftware. Die Wirtschaft beginnt, sich für digitale Bildung zu interessieren. Es gibt im Rahmen des adaptive learning maßgeschneiderte Angebote an Material und Lernumgebungen. Die Grundidee ist: zunächst durch Tracking herausfinden, was der Lernende kann.
  • 2016: Smart Watches mit Sprachsteuerung im Unterricht.
  • 2017: Jeder Schüler bekommt ein eigenes Gerät, landesweit in gleicher Ausstattung (Google?). Bundesweit ist das bis 2019 durchgesetzt, finanziert durch Microsoft. Danach gibt es Schulvereinbarungen zur Überwachung. Schüler beobachten sich gegenseitig und „leaken“, wer betrogen hat. Es gibt starke Kontrollmechanismen. Bring-your-own-device (BYOD) weit verbreitet. Schulmaterisl verbessert sich über Big Data. Kameratechnologie ermöglicht bessere Aus- und Bewertung der Lernenden.
  • 2019: Eltern werden digital über Lernfortschritte informiert, sind Teil des Systems. Erste Privatschulen verzichten auf digitale Systeme. Schüler bewerten per App die Pädagogen.
  • 2020: Das Jahr der großen Zentralisierung. Es gibt eine staatliche Bildungscloud, jeder Klassenraum verfügt zwecks Verhinderung von Missbrauch über eine Kamera. Generalverschlüsselung kann aufgegeben werden, Prüfungen können jetzt unabhängig vom Ort abgenommen werden (z.B. zu Hause).
  • 2023: Mumpsepidemie. Darum wird jetzt mit Teleunterstützung gelernt, in Isocamps, im Krankenhaus. Augmented Reality setzt sich durch.
  • 2024: Lernprozesse können jetzt vollständig nachvollzogen und darum auch vorhergesagt werden (adaptive  learning). Uhren messen Puls und Stresslevel der Lernenden.
  • 2025: Körperfunktionen und Lernprozesse werden ganzheitlich erfasst, protokolliert und gespeichert.

Bleibt abzuwarten, ob sich diese Dystopie erfüllt. Allzu unrealistisch scheint es sowohl den Vortragenden als auch uns nicht.

Let’s Play Geschichte

Zeit für etwas mehr Lebensfreude: Stephan Wirth ist Student der Uni Trier. Er hat mit seinem Team und in Kooperation mit dem SWR ein empathy game programmiert. Das ist ein Computerspiel, das darauf abzielt beim Spielenden verschiedene Mitgefühle zu erzeugen – was einerseits die Identifikation mit den Spielfiguren fördert und durch diese emotionale Verknüpfung Lerninhalte leichter transportiert. 

Das Game handelt vom Mittelalter im Südwesten Deutschlands und mutet auf den ersten Blick wie ein klassisches Adventure-Spiel an,  das stark mit Dialogen arbeitet. Je nach Episode schlüpft man in die Rolle eines aufgeklärten Geistlichen, der einer angeklagten „Hexe“ die letzte Beichte abnehmen soll. Oder man spielt einen aufständischen Bauern vor Gericht. Oder die Mutter eines Pestkranken Mädchens. Stets muss man Entscheidungen treffen und ethische Selbstkonflikte austragen, was den Spieler emotional involviert.

Was an dem Projekt fasziniert, ist jedoch die hohe Professionalität aller Beteiligten. Unter der Projektleitung des SWR waren Historiker, Autoren, Fernsehredaktionen, Game Writer und Schauspieler beteiligt. Der exklusive Einblick verspricht ein qualitativ hochwertiges Produkt, das demnächst erscheint. 

Ethnographie und Anonymous

Gabriella Coleman (McGill University) ist die wohl profilierteste Erforscherin des eigenartigen Anonymous-Kollektivs, das seit 2008 irgendwo zwischen harmloser Netzkultur und handfesten Hackerangriffen oszilliert. 

Heute beschäftigt sie sich mit dem Zusammenhang von Anonymous und Terrorismus. In den USA wird seit 2001 Terrorismus qua Gesetzen definiert – so sind zum Beispiel Tierschutzaktivisten früher einfach Aktivisten gewesen. Heute gelten sie vor der Justiz als Terroristen. 

Doch ist Anonymous das Online-Equivalent zu al Qaida? Offenbar wird es nicht so wahrgenommen. Dabei gibt es drei Gründe, die laut Coleman dafür sprechen würden. Erstens: Anonymous‘ Aktivität kann durchaus als  Cyberextremismus begriffen werden. Und der Sprung von Extremismus zu Terrorismus ist nicht weit. Zweitens: Es sind (auch) kriminelle Hacker. Drittens: es wurden Versuche der Regierung unternommen, Anonymous mit dem Label Terroismus zu assoziieren. 

Und wieso hat es nicht geklappt? Coleman nennt vier Punkte.

  1. Anonymous hat die „richtigen“ Ziele attackiert (PayPal) und die „richtigen“ Leute unterstützt (Wikileaks). Sie unterstützten Proteste in Tunesien und Occupy – beide gelten gemeinhin als „gut“.
  2. Die ikonische Guy Fawkes-Maske. Diese Figur wird eigentlich mit positivem, ehrbarem revolutionärem Widerstand verbunden. Dazu kommt die Aufmerksamkeit in der Popkultur (Comic, Film). 
  3. Anonymous ist flexibel und inkohärent. Es kann nur schwer als ein Phänomen verstanden werden. 
  4. ACTA. Anonymous hat eine Pressmeldung herausgegeben, in der sie im Kontext des Freihandelsabkommens Attacken gegen polnische Webseiten ankündigten. Später haben polnische Parlamentarier im Parlament die Fawkes-Maske getragen. Das hat das Phänomen legitimiert. 

Das ist der aktuelle Status, der sich laut Coleman aber auch schnell wieder ändern kann. Entweder durch Aktionen von Anonymous selbst – oder durch die US-Regierung.

Ein schneller, schlaglichtartiger Vortrag – da wäre mehr drin gewesen. 

Von der Netzwerk- zur Plattformgesellschaft

Sebastian Gießmann (Medienwissenschaftler, Uni Siegen) und Michael Seemann (Kulturwissenschaftler, Autor) skizzieren in einem überfüllten Saal den Wandel von Manuel Castells‘ Netzwerkgesellschaft hin zur zeitgenössischen Plattformgesellschaft – so die These. Es ist einer der Säle, wo wir Kopfhörer tragen, um andere Sessions nicht durch fette Boxenanlagen zu stören. Leider sind alle Kopfhörer schon verteilt. Keine Sitzplätze mehr, schlechte Akustik – echtes Unifeeling! Darum kommt aber nicht alles rüber. Es folgt ein zum Scheitern verurteilter Versuch.

Die Kreditkarte sei eines der ersten Objekte der Plattformgesellschaft, da sie Transaktionen zwischen Unbekannten organisiert und absichert. Plattformen setzen Standards, Kooperationsbedingungen und reduzieren Selektionsoptionen – ein sehr anschauliches Beispiel ist MySpace, das in den nuller Jahren noch viel mehr gestalterischen Spielraum ermöglichte als heute die Plattform Facebook.

Zuletzt seien Plattformen zwiegespalten. Einerseits sind sie Erfüllungsgehilfen von Regierungen, denn wenn man unliebsame Inhalte loswerden will, muss man nur noch eine Plattform (z.B. YouTube) abschalten. Andererseits sind sie Antagonisten von Regierungen, da gerade ebendiese Plattformen die Verbreitung unliebsamer Inhalte ermöglichen (vgl. arabischer Frühling). 

Sehr theorielastig, aber auch sehr erkenntnisreich, trotz der Umstände.

Cory Doctorow!  

Muss man zu Doctorow noch was sagen? Na gut: zeitgenössischer kanadischer und jetzt in London lebender Science Fiction-Autor, Journalist und Blogger. Er spricht ohne Projektion, total frei und es ist eine Freude, ihm zuzuhören.

Heute spricht er zunächst von der Omnipräsenz der Computer. Wir sind in Computern (sprich: modernen Häusern) unterwegs und Computer werden zunehmend Teil unserer Körper. Prothesen, Schrittmacher, Implantate sind digitale Computer mit kabellosen Schnittstellen. Gleichzeitig ist es unmöglich Computer zu bauen, bei denen Funktionen ausgeschlossen sind.

Es folgt ein Schwenk zum bei dieser Konferenz obligatorischen Komplex der Überwachung. Die ist beim Handy in der Hosentasche schon mindestens unangenehm – geht es jedoch um Geräte (und die Möglichkeit der Fremdsteuerung ebendieser) innerhalb des Körpers, werden andere Qualitäten erreicht. Doctorow bringt ein sehr eindrückliches Beispiel von finanzierten robotischen Beinprothesen, die von selbst zurück zum Hersteller laufen, wenn plötzlich der Besitzer wechselt. Dystopischer Slapstick, aber nicht ohne Sprengkraft.

Und sonst? Wird wenig besser. Was bleibt, wirkt wie ein etwas ratloser Appell, für seine Lieben zu sorgen – indem man ihnen das Netz und seinen aktuellen Stand erklärt. Unabhängig von Opti- oder Pessimismus. „We all do what we can“‚ sagt er.

 

Quellcodelesung mit viel Reflexion über Natur der Algorithmen

cd & sa

re:publica 2015 – #rp15 – Tag 1

6 Mai

Geschichte, Anlass und Seele der großen Netzkonferenz re:publica lassen sich vorzüglich in der Wikipedia nachlesen. Insofern liefern wir (das sind Constanze und Sebastian) euch auf Twitter und 1x täglich hier unsere Highlights, Erfahrungen und Eindrücke. Subjektiv, fragmentarisch und mit heißer Nadel gestrickt – eben so, wie es sich für ein Halb-Liveblog gehört.

Opening

Keine re:publica ohne fulminantes Opening. Ca. 3.000 Menschen warten im Saal und wir fragen uns, wie viele davon ohne Smartphone/Laptop/Tablet unterwegs sind. Einer? Zwei? Egal: Wer keines hat, wird von den Leuten mit drei oder mehr kompensiert. Orga und Geschäftsführung machen das Themenspektrum auf.

 

Stage 1

 

Markus Beckedahl, Chef von netzpolitik.org, richtet zuerst das Wort an die Netzgemeinde – und fühlt sich in den letzten Jahren vom Murmeltier gegrüßt: Snowden sei passiert… und dann erstmal nichts (politisches). Immerhin habe man durch die indirekte Folge des BND-Skandals aber nun doch so etwas wie eine Debatte. Der zweite Murmeltiergruß sei der „Zombie“ Vorratsdatenspeicherung. Mal gibt es sie, dann wieder nicht, heute lebendig, morgen tot und übermorgen wiederbelebt. Beckedahl fordert klar: Sie muss weg, und zwar für immer. Und drittens: Netzneutralität.

Allen drei Phänomenen ist gemein, dass sie ganz grundlegend die Rahmenbedingungen bestimmen, unter denen wir online zsammen leben. Und diese Rahmenbedingungen werden mittlerweile in großen Stücken in Europa bestimmt – das erklärt den diesjährigen Untertitel finding europe. 

spreeblicks Johnny Haeusler zieht eine Analogie von Berlin zu Europa. Beiden waren bzw. sind von Mauern umgeben… Und 2015 sind es eben die Mauern um die „Festung Europa“. Diese gelte es abzubauen. Tanja Haeusler schlägt in eine ähnliche Kerbe, wenn sie das doch sehr wohl funktionierende Sozialgefüge verschiedener Ethnien junger Menschen beobachtet.

re:publica-Geschäftsführer Andreas Gebhard und Elmar Giglinger sprechen noch kurz über Business und Medienboom – klar und prägend bleibt jedoch der starke netzpolitische und medienkulturelle Impetus der Veranstalter. Na dann mal los!

Opening Keynote

Ethan Zuckerman (MIT Cambridge) ist der erste große Stargast und hält die Keynote. Seine Thesen sind politisch pessimistisch: das System der USA sei festgefahren, vom Geld bestimmt und die Wahlbeteiligung erreiche historische Tiefstände. Ähnliche Beobachtungen macht er für Europa. Und was sei die Standardantwort auf diesen Verdruss? Die faule Jugend, die Zeit im social web verplempere.

Die Wahrheit ist aber, dass zeitgenössische Protestkulturen fast nur aus jungen Menschen bestehen! Als Beispiel dient Zuckerman der arabische Frühling in all seinen Ausformungen. Dieser habe sich in der westlichen Welt als eine Bewegung gegen Politik generell umgesetzt. Das Problem dabei ist nur, dass eine politische Bewegung kaum die Grenzen zum tatsächlichen politischen System zu überschreiten vermag – im Parlament landen Revoluzzer eher selten. Dabei sei Protest dank sozialer Medien so viel einfacher geworden. Was fehlt, ist Konsens unter den Protestierenden, um eine Bewegung in handfeste Politik münden zu lassen.

Und die Politik insgesamt? Sei schwach und machtlos, da sie nur aus Anpassungsstrategien an die Märkte bestehe. Was also tun? Wie lässt sich das Netz für politische Teilhabe und echten Einfluss instrumentalisieren? Zumindest in den 90ern sah man dort großes Potential – heute, mit Snowden im Hinterkopf zurückblickend, sei man jedoch unfassbar dumm gewesen. Das basisdemokratische Potential, wenn überhaupt vorhanden, wurde von Anfang an von Geheimdiensten untergraben.

Und heute? Sei Open Data noch kein Garant für Veränderungen. Es fehlt an Werkzeugen, die diese Daten erschließen und nutzbar machen. Das wichtigste Problem sei jedoch Misstrauen – genauer das Misstrauen der Menschen gegenüber Institutionen an sich, egal ob privat oder öffentlich. In einer Ära steigender Ungleichheit ist das nachvollziehbar, bleibt dennoch zersetzend für eine Gesellschaft.

Und wie können wir Nutzen aus diesem Misstrauen schlagen? Zuckerman provoziert Änderungen auf vier Ebenen: Gesetze, Code, Märkte und Normen. Code kann gegen Überwachung eingesetzt werden, Märkte gegen Klimawandel, Normen können von Medien geformt werden. Und mit den richtigen Tools könne ein gewisses kultiviertes, bürgerliches Misstrauen auf lokaler Ebene tatsächlich etwas bewegen.

Großartiger, sehr spannender Vortrag!

3D-Drucker aus Abfall

Spannend, aber völlig anders dann ein Workshop im Makerspace des GIG Hub: ein afrikanisches Projekt wollte ursprünglich Schuhe 3D-drucken, ging dann aber einen Schritt zurück und baut nun funktionierende 3D-Drucker aus altem Elektroschrott. Wir dekonstruierten also eine Nähmaschine (ca. 5.000 Schrauben), einen Tintenstrahldrucker und einen alten Laptop. In allen ließen sich Komponenten finden, die für einen 3D-Drucker essenziell sind: Schrittmotoren, Streben, Keilriemen, Rahmen etc. Toll!

 

3D-Drucker aus Altgeräten (Nähmaschinenstadium)

 

Maker Faire Berlin

Wir lernten Philip Steffan, Redakteur bei Make, kennen. Er organisiert u.a. die Maker Faire in Hannover, die in diesem Jahr zum dritten Mal stattfindet – und im Oktober auch in Berlin. Inspirierende Ideen und ein wertvoller Kontakt für uns. Mal sehen, was wir draus machen. :-) Maker Faire Köln, anyone?

Lügen für die Vorratsdatenspeicherung 

Zuletzt nimmt Andre Meister von netzpolitik.org Richtlinien, Gesetze und Argumente von Politikern aller Parteien auseinander, die versuchen das massenhafte Abspeichern von sog. „Vorratsdaten“ zu rechtfertigen. Und zwar im Detail und sehr textnah. Und was gibt’s? Meister vergibt verschiedene Pinicchios als Award, analog zur goldenen Himbeere. Anhand von Beispielen illustriert er, welche tiefgreifenden Erkenntnisse Vorratsdaten über eine Person zulassen: Bewegungsprofile, aber auch Persönlichkeitsprofile. Dableiben einem das Lachen dann doch gerne mal im Halse stecken.

Dies war unser erster klitzekleiner Bericht vom ersten Tag – so viel Konferenz, so wenig Text. Die ganzen Begegnungen und Eindrücke lassen sich nur schwer (per Tablet) festhalten, aber glaubt nur: noch fühlt es sich sehr inspirierend an, hier in Berlin.

sa & cd