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Jens Beckert & Gert Scobel – zwei aktuelle Preisträger zu Gast in der Stadtbibliothek

25 Apr
Buchcover.

Buchcover: Jens Beckert: Imaginierte Zukunft.

Am Mittwoch, 9. Mai um 19 Uhr ist Jens Beckert zu Gast in der Zentralbibliothek der Stadtbibliothek, um im Gespräch mit Gert Scobel sein aktuelles Buch „Imaginierte Zukunft. Fiktionale Erwartungen und die Dynamik des Kapitalismus“ vorzustellen.

Der Inhalt

Ist die Wirtschaft eine Fiktion? Im kapitalistischen Wirtschaftssystem richten Konsumenten, Investoren und Unternehmen ihr Handeln auf die Zukunft aus. Diese birgt Chancen und Risiken, ist aber vor allem eines: ungewiss. Wie gehen die Akteure damit um?
Ökonomen beantworten diese Frage mit verschiedenen Theorien, die auf die Berechenbarkeit des Marktes setzen. Dadurch wird die Nichtvorhersagbarkeit der Zukunft unterschätzt.
Jens Beckert entwickelt einen neuen Blick auf die Dynamik des Kapitalismus. Im Mittelpunkt seiner Untersuchung stehen die fiktionalen Erwartungen der Akteure – Imaginationen darüber, was die Zukunft bringt. Er liefert eine umfassende Typologie dieser Erwartungen, untersucht ihre Funktionsweisen in Bereichen wie Geld, Innovation und Konsum und zeigt, wie mächtig sie sind. Fiktionale Erwartungen sind der Treibstoff der Ökonomie, können diese aber auch in tiefe Krisen stürzen, wenn sie als hohle Narrative entlarvt werden. Dann platzt die Blase.

Die Preisträger

Jens Beckert anlässlich der Verleihung des Gottfried Wilhelm Leibniz – Preises 2018 am 19. März 2018 in Berlin.:

„Mich begeistern die neuen Einsichten, die wir aus der Konfrontation von soziologischen Konzepten mit wirtschaftlichen Phänomenen gewinnen.“

Prof. Dr. Jens Beckert ist designierter Preisträger des renommierten Leibniz-Preis der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung  und Professor für Soziologie in Köln. Zuvor hat er u. a. in Göttingen, New York, Princeton, Paris und an der Harvard University gelehrt. Sein Buch „Imaginierte Zukunft“ ist am 16. April im Suhrkamp-Verlag erschienen.

 

Gert Scobel anlässlich der Auszeichnung mit dem 54. Grimme-Preis am 13. April 2018:

„In all meinen Sendungen geht es darum, unsere komplexe Welt zu verstehen. Letztendlich geht es beim Wissen um unser Zusammenleben; gleich ob wir künstliche Intelligenz oder Zellteilung zum Thema haben. Am Ende steht doch die Frage: Wie gehen wir in Zukunft miteinander um?“

Prof. Gert Scobel leitet die Wissenschaftssendung „scobel“ (3sat).
Am 13. April 2018 wurde er bereits zum zweiten Mal mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Seit 2016 ist er Professor für Interdisziplinarität und Philosophie an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.

Die Reihe

Die Veranstaltung findet im Rahmen der Reihe „wissenswert – Gespräche am Puls der Zeit“ statt. Weitere Veranstaltungen findet ihr im Kulturprogramm.
Das Event ist eine Kooperation mit der Buchhandlung Klaus Bittner und dem Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung.

Der Eintritt beträgt 8 Euro, ermäßigt 6 Euro für Schülerinnen und Schüler, Studierende und Köln-Pass-Inhaberinnen und -Inhaber. Karten sind im Vorverkauf über KölnTicket und an der Abendkasse erhältlich!

Achtsamkeitspraxis – Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) – Neurowissenschaft

16 Apr

Am Dienstag, 24. April um 19:30 Uhr findet in der Zentralbibliothek der Stadtbibliothek Kölnein Gespräch über Achtsamkeitspraxis und Neurowissenschaft statt.

Eingeladen sind drei ausgewiesene Persönlichkeiten zum genannten Themenkomplex: Britta Hölzel, Ulrich Ott und Gert Scobel.

„Unsere Welt wird zunehmend komplexer und unüberschaubarer. Gleichwohl müssen wir unser Leben bewältigen – gesellschaftlich, ökonomisch, aber auch existenziell im Alltag. Dabei zeigt sich, dass vor allem psychische, aber auch spirituelle Probleme in der säkularisierten Welt eher zu- als abnehmen. Das Streben nach Kohärenz, Stimmigkeit und innerer Festigung scheint mehr denn je überlebenswichtig. Weitgehend unbemerkt von der westlichen Mainstreamkultur haben sich seit Jahrtausenden Traditionen der Meditation und Einübung von Achtsamkeit entwickelt, die derartige Probleme durch systematisches Üben zu

bewältigen versuchen. Achtsamkeit bedeutet, dem eigenen Erleben im gegenwärtigen Moment mit Bewusstheit und Offenheit, d.h. ohne Bewertung, zu begegnen. Lassen sich diese Praktiken der Bewusstseinsschulung mit dem westlichen Bildungsideal verbinden? Oder sind sie in Wahrheit antiaufklärerisch und rückwärtsgewandt?

Britta Hölzel und Ulrich Ott haben mit ihrer eigenen Forschung die Effekte von
Achtsamkeitsübungen und Meditation untersucht. Zusammen stellen Sie vor, was sich aus naturwissenschaftlicher Sicht zum Thema Achtsamkeit sagen lässt. Darüber hinaus diskutieren sie die Möglichkeiten, die in der achtsamen Emotionskontrolle, von Mitgefühl und der Kultivierung von ethischem und sozialem Verhalten liegen.

Sind Achtsamkeit und Meditation tatsächlich Mittel, um mehr Toleranz zu ermöglichen und die Widerstandfähigkeit gegen Ideologien zu stärken? Oder handelt es sich um eine Mode, die dazu dient, Menschen durch Selbstkontrolle noch mehr einspannen und optimieren zu können?“ (Text: Gert Scobel)

Dr. Britta Hölzel ist Diplom-Psychologin, Neurowissenschaftlerin, Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR)- und Yoga-Lehrerin. Als Wissenschaftlerin untersucht sie die neuronalen Mechanismen der Achtsamkeitsmeditation mittels magnetresonanztomographischer Aufnahmen. Die Ausbildung zur MBSR Lehrerin erhielt sie an dem von Jon Kabat-Zinn gegründeten Center for Mindfulness an der University of Massachusetts Medical School. Nach ihrem Psychologiestudium in Deutschland promovierte sie am Bender Institute of Neuroimaging, Universität Gießen, über die neuronalen Mechanismen der Achtsamkeitsmeditation. Nach fünfjähriger Tätigkeit als Wissenschaftlerin an der Harvard Medical School in Boston ist sie heute als Referentin in Ausbildungslehrgängen für Achtsamkeitstrainer tätig und hat das IAM – Institut für Achtsamkeit und Meditation https://www.brittahoelzel.de/ gegründet.

Dr. Ulrich Ott ist Diplom-Psychologe und erforscht seit über fünfzehn Jahren an der
Universität Gießen veränderte Bewusstseinszustände und Meditation. Sein
Forschungsschwerpunkt sind Effekte von Meditation auf die Funktion und Struktur des Gehirns, die er am Bender Institute of Neuroimaging (BION)

http://www.uni-giessen.de/fbz/fb06/psychologie/weitere-inst/bion mittels Magnetresonanztomographieuntersucht. Außerdem lehrt er im Fachbereich Psychologie Yoga und Meditation.

Gert Scobel wurde mehrfach als Wissenschaftsjournalist ausgezeichnet. Er moderierte 14 Jahre „Kulturzeit“ bei 3sat, war Anchorman des ARD-Morgenmagazins und ist seit 2008 verantwortlich für die Wissenschaftssendung Sendung „scobel“ (3sat). http://www.3sat.de/scobel/ Seit 2016 ist er Professor für Interdisziplinarität und Philosophie an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg.

Die Veranstaltung findet im Rahmen der Reihe „wissenswert – Gespräche am Puls der Zeit“ statt.

Weitere Veranstaltungen im Kulturprogramm.
Der Eintritt kostet 8 Euro, ermäßigt 6 Euro für Schüler, Studenten und Köln-Pass-Inhaber.

Karten sind im Vorverkauf über KölnTicket und an der Abendkasse erhältlich.

#ichbinhier

29 Mrz

„Während sich die Welt noch fragt, was man gegen Hass im Internet tun kann, haben die Netzbürger von #ichbinhier es herausgefunden – und in diesem Buch aufgeschrieben.“ Sascha Lobo

Am Mittwoch, 11. April um 19 Uhr ist Hannes Ley mit seinem aktuellen Buch „#ich bin hier. Zusammen gegen Fake News und Hass im Netz“ zu Gast in der Zentralbibliothek.  Mit der  renommierten Netzwerkpolitikerin Constanze Kurz spricht er darüber, wie er mit Fakten und Freundlichkeit gegen hemmungslose Hetze vorgehen will.

Buchcover

#ichbinhier – Buchcover

Hate Speech hat eine lange Tradition im Internet. Anfangs waren vor allem Einzelne davon betroffen, schlimm genug. Doch längst wissen wir um das destruktive Potenzial dieser Pöbeleien für die Gesellschaft. Eine gravierende Folge ist neben der Verrohung der Diskussionskultur auch die Unterminierung der Demokratie. Hannes Ley kämpft gemeinsam mit der von ihm gegründeten Facebook-Gruppe #ichbinhier entschlossen gegen den Hass im Netz.

Wann immer gezielt Lügen verbreitet werden und mit Frauen-, Fremden- und anderer Meinungs-Feindlichkeit niederste Instinkte angesprochen werden, stellt sich #ichbinhier gegen den Strom und positioniert sich gegen Hate Speech. Unaufgeregt, faktensicher und ohne große Emotionen. Denn wo sich Fake News und Hassreden zusammentun, entfaltet sich ein Potenzial, das die Gesellschaft spalten kann, wenn nicht gegengesteuert wird. Ley  analysiert die Wirkweisen und Prinzipen, die hinter gezielten Falschinformationen stehen und erzählt, dass man das Gefühl der Hilflosigkeit angesichts der Masse an Kommentaren, die aus dem Nichts zu kommen scheinen, überwinden kann. Mit Zivilcourage und gegenseitiger Unterstützung können engagierte Bürger viel bewirken – Hannes Ley zeigt, wie es gelingen kann.

Buchautor Hannes Ley #ichbinhier

Hannes Ley. Copyright: Arne Weychardt.

Hannes Ley ist selbstständiger Kommunikationsberater in Hamburg. Ende 2016 hat er die Gruppe #ichbinhier gegründet, die sich gegen Hassrede im Internet wendet. Sie ist in nur einem halben Jahr auf rund 37.000 Mitglieder angewachsen. 2017 erhielt #ichbinhier den Online-Grimme-Award. (Quelle)

Weitere Berichte zum Buch und Hannes Ley:

Die Gesprächspartnerin von Hannes Ley ist Constanze Kurz, promovierte Informatikerin, Autorin und Herausgeberin mehrerer Bücher. Ihre Kolumne „Aus dem Maschinenraum“ erscheint im Feuilleton der FAZ. Sie ist Aktivistin und ehrenamtlich Sprecherin des Chaos Computer Clubs. Sie forschte an der Humboldt-Universität zu Berlin am Lehrstuhl „Informatik in Bildung und Gesellschaft“ und war Sachverständige der Enquête-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ des Bundestags. Sie erhielt den Werner-Holtfort-Preis für bürger- und menschenrechtliches Engagement, den Toleranz-Preis für Zivilcourage und die Theodor-Heuss-Medaille für vorbildliches demokratisches Verhalten. (Quelle)

Die Reihe

Die Veranstaltung findet  im Rahmen der Reihe „wissenswert – Gespräche am Puls der Zeit“ statt. Weitere Veranstaltungen findet ihr im Kulturprogramm .

Der Eintritt kostet 8 Euro, ermäßigt 6 Euro für Schüler, Studenten und Köln-Pass-Inhaber. Karten sind im Vorverkauf über KölnTicket und an der Abendkasse erhältlich!

Gibt es einen sozialverträglichen Kapitalismus?

7 Mrz

Innerhalb des Themenspektrums Kapitalismus und Demokratie in „wissenswert – Gespräche am Puls der Zeit“ findet am Montag, 19. März, um 19:30 Uhr in der Zentralbibliothek eine Diskussion zwischen Colin Crouch und Wolfgang Streeck statt. Die Moderation übernimmt Smail Rapic.

Zum Inhalt

Im Westen herrschte Jahrzehnte lang die Überzeugung, dass Demokratie und Marktwirtschaft zusammengehören. Nach dem Ende des sogenannten „real existierenden Sozialismus“ in Osteuropa schien dem westlichen System die Zukunft zu gehören. Die 2008 ausgebrochene Weltfinanzkrise, deren Folgen bis heute andauern, erschütterte jedoch das Vertrauen auf die nachhaltige Prosperität des globalisierten Marktes. Die Rechtspopulisten in Europa und den USA verdanken ihre Wahlerfolge dem Versprechen, den Leidtragenden der kapitalistischen Globalisierung in ihren Ländern zu neuem Wohlstand zu verhelfen. Gleichzeitig mehren sich Bestrebungen, wirtschafts- und verteilungspolitische Probleme an technokratische Institutionen und internationale Organisationen auszulagern, die gegenüber demokratischen Wahlen und egalitären Umverteilungsforderungen immun sind.

Lässt sich der globalisierte Kapitalismus auf demokratischem Weg zähmen? Oder sind seine sozialen Verwerfungen zur essentiellen Bedrohung der Demokratie geworden? Hierüber diskutieren zwei international führende Experten, deren Krisendiagnose in vielen Punkten übereinstimmt, die aber unterschiedliche Zukunftsszenarien entwerfen.

Foto: Colin Crouch. Copyright: Jürgen Bauer.

Colin Crouch. Copyright: Jürgen Bauer.

Colin Crouch ist emeritierter Professor für Governance and Public Management an der Universität Warwick. Seine Bücher Postdemokratie (2008) und Das befremdliche Überleben des Neoliberalismus (2011) sind Klassiker der Zeitdiagnose. Für weitere Informationen bitte hier klicken: https://www.britac.ac.uk/users/professor-colin-crouch.

 

Foto: Wolfgang Streeck. Copyright: Jürgen Bauer.

Wolfgang Streeck. Copyright: Jürgen Bauer.

Wolfgang Streeck ist emeritierter Professor für Soziologie und war bis 2014 Direktor am Max Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. Seine Bücher Gekaufte Zeit, Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus (2013) und How will Capitalism End? Essays on a Failing System (2016) wurden internationale Bestseller. Weitere Informationen findet ihr auch unter: https://wolfgangstreeck.com/.

Smail Rapic ist Professor für Philosophie mit dem Schwerpunkt Praktische Philosophie und Philosophie der Neuzeit an der Universität Wuppertal.

Die Reihe

Die Veranstaltung findet in der Reihe „wissenswert – Gespräche am Puls der Zeit“ der Stadtbibliothek Köln statt. Weitere Veranstaltungen findet ihr im Kulturprogramm.
Das Event ist eine Kooperation mit der Bergischen Universität Wuppertal und der Buchhandlung Bittner.

Der Eintritt beträgt 8 Euro, ermäßigt 6 Euro für Schülerinnen und Schüler, Studierende und Köln-Pass-Inhaberinnen und-Inhaber. Karten sind im Vorverkauf über die Buchhandlung Klaus Bittner und an der Abendkasse erhältlich!

Bitte merkt euch auch folgende Veranstaltung vor:

Mittwoch, 9. Mai, 19 Uhr – Jens Beckert: Imaginierte Zukunft. Fiktionale Erwartungen und die Dynamik des Kapitalismus. Moderation: Gert Scobel

Nancy Fraser und Wolfgang Streeck: Die Krise des demokratischen Kapitalismus

21 Nov
(c) Stadtbibliothek Köln

(c) Stadtbibliothek Köln

Eine Zusammenfassung des Gesprächs am Freitag, 18. 11. 2016 um 19:30 in der Zentralbibliothek  der Stadtbibliothek Köln

Der rote Faden des Gesprächs rankte sich um die zentrale Auffassung, dass das grundsätzliche Problem, das allen kapitalistischen Systemen innewohne, der Widerspruch zwischen der Produktion, also der monetarisierten Arbeit, und der (sozialen) Reproduktion, also der meist unbezahlten, im häuslichen Bereich geleisteten und für selbstverständlich hingenommenen Arbeit der Fürsorge im weitesten Sinne, sei.

 

Die Unzulänglichkeiten des heutigen Kapitalismus

In dem derzeit bestehenden kapitalistischen System, das Fraser den „finanzialisierten Kapitalismus“ nennt, stehe die Erhöhung der Produktion an erster Stelle. Hierfür würden nun auch Frauen auf ausbeuterische Weise in Arbeit gebracht – mit allen Vorteilen, die eine Erwerbstätigkeit selbstverständlich auch für die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen habe – und unter enormen Druck gesetzt, da eine Familie heutzutage nicht mehr nur von einem Einkommen leben könne.

Die Reproduktion, die Grundvoraussetzung für ein funktionierendes System der Produktion sei, werde marginalisiert und regelrecht aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein verdrängt. Unternehmen böten ihren Mitarbeitern mittlerweile systematisch Möglichkeiten, die reproduktive Arbeit auf einen späteren Lebensabschnitt zu verlegen (Einfrieren von Eizellen).

Gleichzeitig zögen sich Staat und Unternehmen aus der sozialen Verantwortung zurück und entzögen dem reproduktiven System unter der Überschrift „Austerität“ das wenige Geld, das ihm zur Verfügung stand. Renten und andere Sozialleistungen würden gekürzt, um den stets weiter wachsenden Schuldenberg abtragen zu können.

Auf diese Weise unterminiere und erodiere das produktive System das für sein Fortbestehen unerlässliche reproduktive System.

Es werde jeder/jedem Einzelnen überlassen, die reproduktive Sphäre selbst zu organisieren. Das führe u.a. zu einer Verlagerung des Problems in ärmere Länder, da die privilegierten Frauen im globalen Nord-Westen häusliche Tätigkeiten gewissermaßen auslagern und dafür Frauen aus dem globalen Süd-Osten (unter)bezahlen, deren reproduktive Arbeitskraft wiederum in ihren Herkunftsländern fehle. Die privilegierten Familien dort kauften diese Arbeit dann wiederum in noch ärmeren Ländern ein und so fort.

Nancy Fraser (c) Stadtbibliothek Köln

Nancy Fraser (c) Stadtbibliothek Köln

Mögliche Lösungen

Während Frau Fraser und Herr Streeck sich einig waren, dass ihnen als Soziologen nicht die Erarbeitung von Lösungen, sondern vielmehr eine möglichst treffende Analyse der jeweiligen gesellschaftlichen Lage obliege, ließ sich Nancy Fraser dennoch darauf ein, einen experimentellen Vorschlag für einen Lösungsansatz zu machen. Die Elemente einer Lösung kämen schließlich aus einer guten Diagnose, wie sie konstatierte. Reduzierung der Arbeitszeit, Erhöhung von Arbeitsentgelt, Verringerung des gesamtwirtschaftlichen Wachstums und der Verschuldung – dies alles seien selbstverständlich notwendige Ansätze. Darüber hinaus müsse man aus feministischer Perspektive politische Anreize zum „Degendering“, also der Aufhebung klassischer Geschlechterrollen, fordern, um dem Widerspruch zwischen der produktiven und reproduktiven Sphäre zu überwinden.

Eine Lösung dürfe sich nicht nur auf eine der Sphären konzentrieren und dürfe nicht auf dem Rücken von Frauen (oder auch einer Untergruppe beispielsweise weniger privilegierter Frauen) oder bestimmter ethnischer Gruppen ausgetragen werden. Es gelte, das Zusammenspiel der produktiven und der reproduktiven Sphäre neu zu definieren. Denkbar wäre hier ein System der „universellen Fürsorge“ (universal care). Die Politik müsse Arbeit, Familie und Sozialleistungen gleichermaßen regeln, wobei die Grundlage sein müsse, dass jeder Mensch, ob Mann oder Frau, dieselbe Verantwortung für grundlegende fürsorgliche Aufgaben habe. Hier ergebe sich ein besonderes Problem für Single-Haushalte, in denen Aufgaben nicht gemeinschaftlich übernommen werden können.

 

Die US-Wahlen

Im Hinblick auf die US-Wahlen, die nicht unerwähnt bleiben durften, teilte Frau Fraser die Gender-Problematik des US-Wahlkampfs in zwei Aspekte ein: den rhetorisch-idiomatischen Aspekt und den Aspekt des gesellschaftlichen Versäumnisses. Zunächst betonte sie jedoch, dass in ihren Augen die Genderfrage nicht den Wahlkampf beherrschte, sondern die Frage von gesellschaftlicher Klasse und von Sektoren (beispielsweise ländlich vs. städtisch). Trump habe sich hierbei des Strukturwandels (Rückgang von Produktionsstätten im Zentrum des Systems), Clinton des Finanzsektors und der prekären unterbezahlten Dienstleistungen angenommen. Clinton habe also einen neoliberalen Feminismus verkörpert.

Die echte Spannungslinie sei, genau wie beim Brexit, dort verlaufen, wo die Menschen sagten: „Wir haben genug von diesem System! Das Leben wie wir es kennen, wird uns genommen. Unsere Kinder werden es nicht besser haben als wir.“

Betrachte man sich nun den rhetorischen Aspekt, so sei zu sagen, dass Trump frauenfeindliche und rassistische Phrasen drosch, während Clinton sich auf der Zielgeraden des Wahlkampfs einem regelrechten moralischen Kreuzzug gegen unanständiges Verhalten verschrieben habe. Und wenn eine Person den moralischen Zeigefinger erhebe, die Millionen von Dollar für Reden bei Goldman Sachs kassiere und sich in einem Strafverfolgungsverfahren weigere, ihre Korrespondenz offen zu legen, dann könne dies nicht als rechte Hetze abgetan werden, sondern komme bei der Bevölkerung verständlicherweise „nicht so gut“ an. Trotz aller zu verurteilenden rassistischen und frauenfeindlichen Trump‘scher Phrasen sei das Wahlergebnis nachvollziehbar und zu erwarten gewesen.

Ins Gewicht falle in diesem Zusammenhang auch, dass die US-Amerikaner vor acht Jahren mit der Wahl Obamas bereits einen historischen Durchbruch erlebt hatten. Die Tatsache, dass in einem Land, das auf Sklaverei aufbaue, ein Afro-Amerikaner Präsident wurde, sei bereits bahnbrechend gewesen. „Und was haben wir Amerikaner davon gehabt?“ fragte Nancy Fraser provokativ. „Enttäuschung!“ Der versprochene Wandel sei nicht eingetreten. Man habe also daraus seine Lehre gezogen. Auch in diesen Wahlen sei es um einen bahnbrechenden Wandel gegangen, doch diesen habe Hillary Clinton nicht verkörpert.

Frau Fraser forderte an dieser Stelle die Frauenbewegung und andere progressive gesellschaftliche Bewegungen dazu auf, das Wahlergebnis als Weckruf zu betrachten. Es gelte, die Haltung zu gesellschaftlicher Klasse und zur politischen Volkswirtschaft zu überdenken und sich nicht auf Lippenbekenntnisse zur Diversität zu beschränken.

Wolfgang Streeck (c) Stadtbibliothek Köln

Wolfgang Streeck (c) Stadtbibliothek Köln

Frage aus dem Publikum: Hätte Obama es besser machen können?

Möglicherweise schon, meinte Nancy Fraser, auch wenn sich dies schwierig gestaltet hätte. Er sei zwar rhetorisch versiert gewesen und habe, wie beispielsweise der brillante Rhetoriker Franklin D. Roosevelt, auch ein Narrativ geschaffen, habe die Menschen erreichen können – letzten Endes habe er jedoch nur Gesetze auf den Weg gebracht, die der Regierung und ihrer Entourage nutzen (inside the Beltway, wie die Amerikaner sagen). Das Volk hätte ihm verziehen, wenn er es anders versucht hätte und dabei gescheitert wäre. Es verzeihe ihm jedoch nicht, dass er es nicht einmal versucht habe.

 

Das Ende des Kapitalismus?

In der abschließenden Frage nach dem Ende des Kapitalismus bezog Nancy Fraser klar Stellung. Sie sei sich sicher, dass die derzeitige Form des Kapitalismus zwar nicht von heute auf morgen verschwinden, jedoch in dieser Form nicht mehr lange Bestand haben könne. Wir befänden uns an einem Wendepunkt, an dem eine neue Abmachung getroffen werden müsse. Der Kapitalismus habe historisch in Krisenzeiten durchaus eine Fähigkeit unter Beweis gestellt, sich stets neu zu definieren – möglicherweise würden wir es also mit einer abgewandelten Form des Kapitalismus zu tun bekommen. Andererseits sei auch eine nichtkapitalistische Alternative denkbar. Hierbei obliege es Soziologen wie Nancy Fraser selbst, die gesellschaftlichen Kräfte zu identifizieren, die in der Lage sind, eine wertvolle (nicht neoliberale) Alternative zu schaffen.

Zusammenfassung von Sarah King, die das Gespräch am Abend ins Deutsche gedolmetscht hat

Nancy Fraser ist Politikwissenschaftlerin und eine der bekanntesten US-amerikanischen Feministinnen. Zurzeit ist Fraser Henry A. and Louise Loeb Professor of Political and Social Science an der New School for Social Research in New York City.

Wolfgang Streeck ist ein deutscher Soziologe und Direktor emeritus am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln.

 

„Der Angriff auf unsere Freiheit“

5 Mai

Harald Welzer zu Gast in der Zentralbibliothek

Mit seinem gerade erschienenen, brandaktuellen Buch „Die smarte Diktatur. Der Angriff auf unsere Freiheit“ trifft Harald Welzer den Nerv unserer Gesellschaft. Am Dienstag, 10. Mai 2016, um 20 Uhr spricht er in der Zentralbibliothek am Neumarkt mit dem Wissenschaftsjournalisten Gert Scobel über seine Untersuchungen.

(c) S. FISCHER Verlag

(c) S. FISCHER Verlag

Welzers Werk ist nichts weniger als eine neue Analyse der großen gesellschaftlichen Zusammenhänge in Deutschland, eine umfassende Diagnose der Gegenwart. Unsere Gesellschaft verändert sich radikal, aber fast unsichtbar. Nach Welzers Thesen steuern wir auf einen Totalitarismus zu. Das Private verschwindet, die Macht des Geldes wächst ebenso wie die Ungleichheit, wir kaufen immer mehr und zerstören damit die Grundlage unseres Lebens.

Statt die Chance der Freiheit zu nutzen, die historisch hart und bitter erkämpft wurde, werden wir zu Konsum-Zombies, gesteuert durch eine machtbesessene Industrie, deren Lieblingswort „smart“ ist. Was heißt das für unsere Gesellschaft? Nach seinem Bestseller „Selbst denken“ analysiert Welzer in „Die smarte Diktatur“, wie die scheinbar unverbundenen Themen von Big Data über Digitalisierung, Personalisierung, Internet der Dinge und Drohnen bis Klimawandel zusammenhängen. Für den Autor ist es höchste Zeit für Gegenwehr, wenn man die Freiheit erhalten will.

Harald Welzer arbeitet als Direktor der Futurzwei-Stiftung Zukunftsfähigkeit und Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg. Daneben lehrt er an der Universität St. Gallen. Seine Bücher sind in 21 Ländern erschienen.

Gert Scobel leitet und moderiert die 3SAT-Sendung „scobel“. Er wurde unter anderem mit dem Deutschen Fernseh- und dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet. Scobel hat zahlreiche philosophische Bücher geschrieben.

Das Gespräch ist Teil der Reihe „wissenswert – Themen am Puls der Zeit“.
Der Eintritt kostet 8 Euro; ermäßigt 6 Euro für Schüler, Studenten und Köln-Pass-Inhaber.
Die Karten sind im Vorverkauf bei KölnTicket und an der Abendkasse erhältlich.

Viel Kultur im Herbst

27 Aug

Kulturprogramm_StbibKoeln_2_2014 (3)

Zentralbibliothek hat Programm für September bis Dezember zusammengestellt

Zahlreiche Persönlichkeiten aus Literatur, Wissenschaft und Forschung stellen im Herbst 2014 in der Zentralbibliothek am Neumarkt ihre aktuellen Bücher vor. Dazu zählt der finnische Ehrengast der Frankfurter Buchmesse, Hannu Raittila, mit der deutschen Übersetzung seines Romans „Kontinentaldrift“. Navid Kermani diskutiert sein aktuelles Buch „Zwischen Koran und Kafka“ mit dem Literaturkritiker Hubert Winkels. Der kenianische Krimistar Mukoma wa Ngugi spricht im Rahmen der Crime Cologne mit der Afrika- und Krimiexpertin Antje Deistler über seinen Roman „Nairobi Heat“. Georg-Büchner Preisträger Jürgen Becker liest aus noch unveröffentlichten Texten und Josef Ortheil stellt sein Tagebuch „Blauer Weg“ in einer neuen Ausgabe vor.

In der Reihe „wissenswert – Themen am Puls der Zeit“ versprechen Vortrag und Diskussion mit dem Kunsthistoriker und Architekten Niklas Maak zum Thema „Warum wir andere Häuser brauchen“ spannend zu werden. Darf man das „Leben der Anderen“ kritisieren? Diese gesellschaftlich relevante Frage stellt sich die Philosophieprofessorin Rahel Jaeggi zusammen mit Gert Scobel. Erstmalig zu Gast in der Stadtbibliothek ist die Deutsche Medienakademie. Experten nehmen Stellung zur Internet-Sicherheit und liefern neueste Erkenntnisse im Gespräch mit Akademiedirektor Ekkehard Gerlach.

Auch Ausstellungen stehen wieder auf dem Programm. Mit einer prominenten Cartoon-Schau afrikanischer Karikaturisten unter dem Titel „Trugbild oder Chance“ leitet die Stadtbibliothek das Afrika-Filmfestival zusammen mit filmInitiativ ein. Die Ausstellungseröffnung begleitet der weltweit bekannte Musiker Aly Keita. Das Literatur-in-Köln-Archiv zeigt „Zauber und Vielfalt literarischer Reisebeschreibungen – von Laurence Sterne bis Christoph Ransmayr“ aus der Sammlung Wolfgang Geisthövel.

Zahlreiche Kooperationspartner begleiten das Kulturprogramm der Stadtbibliothek, unter Ihnen das Amerika Haus NRW, die Buchhandlung Klaus Bittner, das Haus der Architektur, das Institut Francais und das Literaturhaus Köln.

Das Kulturprogramm ist unter anderem in den Einrichtungen der Stadtbibliothek, im Bürgerbüro am Laurenzplatz, in ausgewählten Buchhandlungen und im Literaturhaus erhältlich. Die Veranstaltungen der Stadtbibliothek, die Preise und Infos zum Vorverkauf stehen unter

http://www.stadt-koeln.de/leben-in-koeln/stadtbibliothek/

auch im Internet.

 

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