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Nancy Fraser und Wolfgang Streeck: Die Krise des demokratischen Kapitalismus

21 Nov
(c) Stadtbibliothek Köln

(c) Stadtbibliothek Köln

Eine Zusammenfassung des Gesprächs am Freitag, 18. 11. 2016 um 19:30 in der Zentralbibliothek  der Stadtbibliothek Köln

Der rote Faden des Gesprächs rankte sich um die zentrale Auffassung, dass das grundsätzliche Problem, das allen kapitalistischen Systemen innewohne, der Widerspruch zwischen der Produktion, also der monetarisierten Arbeit, und der (sozialen) Reproduktion, also der meist unbezahlten, im häuslichen Bereich geleisteten und für selbstverständlich hingenommenen Arbeit der Fürsorge im weitesten Sinne, sei.

 

Die Unzulänglichkeiten des heutigen Kapitalismus

In dem derzeit bestehenden kapitalistischen System, das Fraser den „finanzialisierten Kapitalismus“ nennt, stehe die Erhöhung der Produktion an erster Stelle. Hierfür würden nun auch Frauen auf ausbeuterische Weise in Arbeit gebracht – mit allen Vorteilen, die eine Erwerbstätigkeit selbstverständlich auch für die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen habe – und unter enormen Druck gesetzt, da eine Familie heutzutage nicht mehr nur von einem Einkommen leben könne.

Die Reproduktion, die Grundvoraussetzung für ein funktionierendes System der Produktion sei, werde marginalisiert und regelrecht aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein verdrängt. Unternehmen böten ihren Mitarbeitern mittlerweile systematisch Möglichkeiten, die reproduktive Arbeit auf einen späteren Lebensabschnitt zu verlegen (Einfrieren von Eizellen).

Gleichzeitig zögen sich Staat und Unternehmen aus der sozialen Verantwortung zurück und entzögen dem reproduktiven System unter der Überschrift „Austerität“ das wenige Geld, das ihm zur Verfügung stand. Renten und andere Sozialleistungen würden gekürzt, um den stets weiter wachsenden Schuldenberg abtragen zu können.

Auf diese Weise unterminiere und erodiere das produktive System das für sein Fortbestehen unerlässliche reproduktive System.

Es werde jeder/jedem Einzelnen überlassen, die reproduktive Sphäre selbst zu organisieren. Das führe u.a. zu einer Verlagerung des Problems in ärmere Länder, da die privilegierten Frauen im globalen Nord-Westen häusliche Tätigkeiten gewissermaßen auslagern und dafür Frauen aus dem globalen Süd-Osten (unter)bezahlen, deren reproduktive Arbeitskraft wiederum in ihren Herkunftsländern fehle. Die privilegierten Familien dort kauften diese Arbeit dann wiederum in noch ärmeren Ländern ein und so fort.

Nancy Fraser (c) Stadtbibliothek Köln

Nancy Fraser (c) Stadtbibliothek Köln

Mögliche Lösungen

Während Frau Fraser und Herr Streeck sich einig waren, dass ihnen als Soziologen nicht die Erarbeitung von Lösungen, sondern vielmehr eine möglichst treffende Analyse der jeweiligen gesellschaftlichen Lage obliege, ließ sich Nancy Fraser dennoch darauf ein, einen experimentellen Vorschlag für einen Lösungsansatz zu machen. Die Elemente einer Lösung kämen schließlich aus einer guten Diagnose, wie sie konstatierte. Reduzierung der Arbeitszeit, Erhöhung von Arbeitsentgelt, Verringerung des gesamtwirtschaftlichen Wachstums und der Verschuldung – dies alles seien selbstverständlich notwendige Ansätze. Darüber hinaus müsse man aus feministischer Perspektive politische Anreize zum „Degendering“, also der Aufhebung klassischer Geschlechterrollen, fordern, um dem Widerspruch zwischen der produktiven und reproduktiven Sphäre zu überwinden.

Eine Lösung dürfe sich nicht nur auf eine der Sphären konzentrieren und dürfe nicht auf dem Rücken von Frauen (oder auch einer Untergruppe beispielsweise weniger privilegierter Frauen) oder bestimmter ethnischer Gruppen ausgetragen werden. Es gelte, das Zusammenspiel der produktiven und der reproduktiven Sphäre neu zu definieren. Denkbar wäre hier ein System der „universellen Fürsorge“ (universal care). Die Politik müsse Arbeit, Familie und Sozialleistungen gleichermaßen regeln, wobei die Grundlage sein müsse, dass jeder Mensch, ob Mann oder Frau, dieselbe Verantwortung für grundlegende fürsorgliche Aufgaben habe. Hier ergebe sich ein besonderes Problem für Single-Haushalte, in denen Aufgaben nicht gemeinschaftlich übernommen werden können.

 

Die US-Wahlen

Im Hinblick auf die US-Wahlen, die nicht unerwähnt bleiben durften, teilte Frau Fraser die Gender-Problematik des US-Wahlkampfs in zwei Aspekte ein: den rhetorisch-idiomatischen Aspekt und den Aspekt des gesellschaftlichen Versäumnisses. Zunächst betonte sie jedoch, dass in ihren Augen die Genderfrage nicht den Wahlkampf beherrschte, sondern die Frage von gesellschaftlicher Klasse und von Sektoren (beispielsweise ländlich vs. städtisch). Trump habe sich hierbei des Strukturwandels (Rückgang von Produktionsstätten im Zentrum des Systems), Clinton des Finanzsektors und der prekären unterbezahlten Dienstleistungen angenommen. Clinton habe also einen neoliberalen Feminismus verkörpert.

Die echte Spannungslinie sei, genau wie beim Brexit, dort verlaufen, wo die Menschen sagten: „Wir haben genug von diesem System! Das Leben wie wir es kennen, wird uns genommen. Unsere Kinder werden es nicht besser haben als wir.“

Betrachte man sich nun den rhetorischen Aspekt, so sei zu sagen, dass Trump frauenfeindliche und rassistische Phrasen drosch, während Clinton sich auf der Zielgeraden des Wahlkampfs einem regelrechten moralischen Kreuzzug gegen unanständiges Verhalten verschrieben habe. Und wenn eine Person den moralischen Zeigefinger erhebe, die Millionen von Dollar für Reden bei Goldman Sachs kassiere und sich in einem Strafverfolgungsverfahren weigere, ihre Korrespondenz offen zu legen, dann könne dies nicht als rechte Hetze abgetan werden, sondern komme bei der Bevölkerung verständlicherweise „nicht so gut“ an. Trotz aller zu verurteilenden rassistischen und frauenfeindlichen Trump‘scher Phrasen sei das Wahlergebnis nachvollziehbar und zu erwarten gewesen.

Ins Gewicht falle in diesem Zusammenhang auch, dass die US-Amerikaner vor acht Jahren mit der Wahl Obamas bereits einen historischen Durchbruch erlebt hatten. Die Tatsache, dass in einem Land, das auf Sklaverei aufbaue, ein Afro-Amerikaner Präsident wurde, sei bereits bahnbrechend gewesen. „Und was haben wir Amerikaner davon gehabt?“ fragte Nancy Fraser provokativ. „Enttäuschung!“ Der versprochene Wandel sei nicht eingetreten. Man habe also daraus seine Lehre gezogen. Auch in diesen Wahlen sei es um einen bahnbrechenden Wandel gegangen, doch diesen habe Hillary Clinton nicht verkörpert.

Frau Fraser forderte an dieser Stelle die Frauenbewegung und andere progressive gesellschaftliche Bewegungen dazu auf, das Wahlergebnis als Weckruf zu betrachten. Es gelte, die Haltung zu gesellschaftlicher Klasse und zur politischen Volkswirtschaft zu überdenken und sich nicht auf Lippenbekenntnisse zur Diversität zu beschränken.

Wolfgang Streeck (c) Stadtbibliothek Köln

Wolfgang Streeck (c) Stadtbibliothek Köln

Frage aus dem Publikum: Hätte Obama es besser machen können?

Möglicherweise schon, meinte Nancy Fraser, auch wenn sich dies schwierig gestaltet hätte. Er sei zwar rhetorisch versiert gewesen und habe, wie beispielsweise der brillante Rhetoriker Franklin D. Roosevelt, auch ein Narrativ geschaffen, habe die Menschen erreichen können – letzten Endes habe er jedoch nur Gesetze auf den Weg gebracht, die der Regierung und ihrer Entourage nutzen (inside the Beltway, wie die Amerikaner sagen). Das Volk hätte ihm verziehen, wenn er es anders versucht hätte und dabei gescheitert wäre. Es verzeihe ihm jedoch nicht, dass er es nicht einmal versucht habe.

 

Das Ende des Kapitalismus?

In der abschließenden Frage nach dem Ende des Kapitalismus bezog Nancy Fraser klar Stellung. Sie sei sich sicher, dass die derzeitige Form des Kapitalismus zwar nicht von heute auf morgen verschwinden, jedoch in dieser Form nicht mehr lange Bestand haben könne. Wir befänden uns an einem Wendepunkt, an dem eine neue Abmachung getroffen werden müsse. Der Kapitalismus habe historisch in Krisenzeiten durchaus eine Fähigkeit unter Beweis gestellt, sich stets neu zu definieren – möglicherweise würden wir es also mit einer abgewandelten Form des Kapitalismus zu tun bekommen. Andererseits sei auch eine nichtkapitalistische Alternative denkbar. Hierbei obliege es Soziologen wie Nancy Fraser selbst, die gesellschaftlichen Kräfte zu identifizieren, die in der Lage sind, eine wertvolle (nicht neoliberale) Alternative zu schaffen.

Zusammenfassung von Sarah King, die das Gespräch am Abend ins Deutsche gedolmetscht hat

Nancy Fraser ist Politikwissenschaftlerin und eine der bekanntesten US-amerikanischen Feministinnen. Zurzeit ist Fraser Henry A. and Louise Loeb Professor of Political and Social Science an der New School for Social Research in New York City.

Wolfgang Streeck ist ein deutscher Soziologe und Direktor emeritus am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln.

 

„Der Angriff auf unsere Freiheit“

5 Mai

Harald Welzer zu Gast in der Zentralbibliothek

Mit seinem gerade erschienenen, brandaktuellen Buch „Die smarte Diktatur. Der Angriff auf unsere Freiheit“ trifft Harald Welzer den Nerv unserer Gesellschaft. Am Dienstag, 10. Mai 2016, um 20 Uhr spricht er in der Zentralbibliothek am Neumarkt mit dem Wissenschaftsjournalisten Gert Scobel über seine Untersuchungen.

(c) S. FISCHER Verlag

(c) S. FISCHER Verlag

Welzers Werk ist nichts weniger als eine neue Analyse der großen gesellschaftlichen Zusammenhänge in Deutschland, eine umfassende Diagnose der Gegenwart. Unsere Gesellschaft verändert sich radikal, aber fast unsichtbar. Nach Welzers Thesen steuern wir auf einen Totalitarismus zu. Das Private verschwindet, die Macht des Geldes wächst ebenso wie die Ungleichheit, wir kaufen immer mehr und zerstören damit die Grundlage unseres Lebens.

Statt die Chance der Freiheit zu nutzen, die historisch hart und bitter erkämpft wurde, werden wir zu Konsum-Zombies, gesteuert durch eine machtbesessene Industrie, deren Lieblingswort „smart“ ist. Was heißt das für unsere Gesellschaft? Nach seinem Bestseller „Selbst denken“ analysiert Welzer in „Die smarte Diktatur“, wie die scheinbar unverbundenen Themen von Big Data über Digitalisierung, Personalisierung, Internet der Dinge und Drohnen bis Klimawandel zusammenhängen. Für den Autor ist es höchste Zeit für Gegenwehr, wenn man die Freiheit erhalten will.

Harald Welzer arbeitet als Direktor der Futurzwei-Stiftung Zukunftsfähigkeit und Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg. Daneben lehrt er an der Universität St. Gallen. Seine Bücher sind in 21 Ländern erschienen.

Gert Scobel leitet und moderiert die 3SAT-Sendung „scobel“. Er wurde unter anderem mit dem Deutschen Fernseh- und dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet. Scobel hat zahlreiche philosophische Bücher geschrieben.

Das Gespräch ist Teil der Reihe „wissenswert – Themen am Puls der Zeit“.
Der Eintritt kostet 8 Euro; ermäßigt 6 Euro für Schüler, Studenten und Köln-Pass-Inhaber.
Die Karten sind im Vorverkauf bei KölnTicket und an der Abendkasse erhältlich.

Viel Kultur im Herbst

27 Aug

Kulturprogramm_StbibKoeln_2_2014 (3)

Zentralbibliothek hat Programm für September bis Dezember zusammengestellt

Zahlreiche Persönlichkeiten aus Literatur, Wissenschaft und Forschung stellen im Herbst 2014 in der Zentralbibliothek am Neumarkt ihre aktuellen Bücher vor. Dazu zählt der finnische Ehrengast der Frankfurter Buchmesse, Hannu Raittila, mit der deutschen Übersetzung seines Romans „Kontinentaldrift“. Navid Kermani diskutiert sein aktuelles Buch „Zwischen Koran und Kafka“ mit dem Literaturkritiker Hubert Winkels. Der kenianische Krimistar Mukoma wa Ngugi spricht im Rahmen der Crime Cologne mit der Afrika- und Krimiexpertin Antje Deistler über seinen Roman „Nairobi Heat“. Georg-Büchner Preisträger Jürgen Becker liest aus noch unveröffentlichten Texten und Josef Ortheil stellt sein Tagebuch „Blauer Weg“ in einer neuen Ausgabe vor.

In der Reihe „wissenswert – Themen am Puls der Zeit“ versprechen Vortrag und Diskussion mit dem Kunsthistoriker und Architekten Niklas Maak zum Thema „Warum wir andere Häuser brauchen“ spannend zu werden. Darf man das „Leben der Anderen“ kritisieren? Diese gesellschaftlich relevante Frage stellt sich die Philosophieprofessorin Rahel Jaeggi zusammen mit Gert Scobel. Erstmalig zu Gast in der Stadtbibliothek ist die Deutsche Medienakademie. Experten nehmen Stellung zur Internet-Sicherheit und liefern neueste Erkenntnisse im Gespräch mit Akademiedirektor Ekkehard Gerlach.

Auch Ausstellungen stehen wieder auf dem Programm. Mit einer prominenten Cartoon-Schau afrikanischer Karikaturisten unter dem Titel „Trugbild oder Chance“ leitet die Stadtbibliothek das Afrika-Filmfestival zusammen mit filmInitiativ ein. Die Ausstellungseröffnung begleitet der weltweit bekannte Musiker Aly Keita. Das Literatur-in-Köln-Archiv zeigt „Zauber und Vielfalt literarischer Reisebeschreibungen – von Laurence Sterne bis Christoph Ransmayr“ aus der Sammlung Wolfgang Geisthövel.

Zahlreiche Kooperationspartner begleiten das Kulturprogramm der Stadtbibliothek, unter Ihnen das Amerika Haus NRW, die Buchhandlung Klaus Bittner, das Haus der Architektur, das Institut Francais und das Literaturhaus Köln.

Das Kulturprogramm ist unter anderem in den Einrichtungen der Stadtbibliothek, im Bürgerbüro am Laurenzplatz, in ausgewählten Buchhandlungen und im Literaturhaus erhältlich. Die Veranstaltungen der Stadtbibliothek, die Preise und Infos zum Vorverkauf stehen unter

http://www.stadt-koeln.de/leben-in-koeln/stadtbibliothek/

auch im Internet.

 

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„Und plötzlich war ich zu sechst“

23 Mai

Unbenannt

Wer sich mit über dreißig verliebt, muss damit rechnen, dass sein Gegenüber eine Vergangenheit hat. Und Kinder. Wie fühlt es sich an, plötzlich eine Familie zu haben? Was entgegnet man als ungeübte Wochenend-Mutter auf den Killer-Satz „Du bist nicht meine Mama“? Wie geht man damit um, dass die Ex des neuen Partners dank der Kinder alles über einen weiß – bis hin zu Kontostand und Körpergewicht? Und was geschieht in dem fragilen Patchwork-Gefüge, wenn eigene Kinder hinzukommen?

Felicitas von Lovenberg berichtet in ihrem neuen Buch „Und plötzlich war ich zu sechst – Aus dem Leben einer ganz normalen Patchwork – Familie“ lebensnah aus dem Alltag und gibt Erfahrungen weiter, die das Miteinander leichter machen. Im Gespräch mit dem Journalisten Ralph Erdenberger stellt sie es am

Dienstag, 27. Mai 2014, 20 Uhr

in der Zentralbibliothek am Neumarkt vor.

Felicitas von Lovenberg leitet die Literaturredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Sie wurde unter anderem mit dem Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik ausgezeichnet. Im SWR-Fernsehen moderiert sie regelmäßig die Sendung „lesenswert“. Ralph Erdenberger arbeitet als Journalist für WDR 5. Dort moderiert er das Magazin „Neugier genügt“ und die Kindersendung „Kiraka“. Als Autor schreibt und produziert der zweifache Vater Hörbücher für Kinder.

Das Gespräch ist Teil der Reihe „Wissenswert – Themen am Puls der Zeit“. Die Stadtbibliothek veranstaltet es in Kooperation mit „Beratung für Patchworkfamilien“,

www.patchworkfamilien.com.

Der Eintritt kostet im Vorverkauf sieben Euro, ermäßigt fünf Euro, an der Abendkasse acht Euro, ermäßigt sechs Euro. Im Vorverkauf sind die Karten bei „Köln Ticket“ im Internet oder telefonisch unter 0221/2801 erhältlich. Unter der Telefonnummer 0221/221-23939 nimmt die Stadtbibliothek zusätzlich Reservierungen entgegen.

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Habt ihr zu diesem Thema noch Fragen, die euch auf den Nägeln brennen? Was ist cool am Patchwork, was ist anstrengend? Kennt ihr eine Geschichte? Seid ihr auf Probleme gestoßen, bei denen euch noch niemand helfen konnte? Oder habt ihr selbst kreative Lösungen gefunden? Wir sammeln noch und freuen uns über eure Beiträge. Egal ob hier als Kommentar oder per Mail (twitter@stbib-koeln.de oder eine andere Kontaktadresse)! Gerne auch Facebook.

Die Neuentdeckung des Himmels

21 Mrz

die-neuentdeckung-des-himmels-48491-1Als im Oktober 1995 der erste Planet entdeckt wurde, der nicht die Sonne umkreist, sondern einen anderen Stern, habe ich gerade probiert, mich an der Universität zurechtzufinden. Ich hatte mein Astronomiestudium gerade erst begonnen und viel zu viel zu erledigen, um mich lange mit dieser Entdeckung zu beschäftigen. Ich musste herausfinden, wo die Einführungsvorlesungen stattfinden, musste mich für Übungskurse eintragen, die überall in Wien verteilten Institute der naturwissenschaftlichen Fakultät finden und für die erste Entdeckung einer fremden Welt blieb da kaum noch Zeit.

Im Laufe der folgenden Jahre verlief mein Studium dann nicht mehr ganz so hektisch – die Erforschung der extrasolaren Planeten dagegen nahm nun erst so richtig Fahrt auf. Ich bin ihnen aber erst 1999 wieder richtig begegnet. Mittlerweile hatte ich den Großteil meines Grundstudiums abgeschlossen und arbeitete an meiner Diplomarbeit. Die beschäftigte sich zwar mit Asteroiden, aber die Mitglieder meiner Arbeitsgruppe waren aktiv an der Erforschung der fremden Planeten beteiligt. Damals kannte man gerade Mal ein paar Dutzend Planeten und jede neue Entdeckung war eine kleine Sensation. Wir kannten die Eigenschaften der fremden Welten fast auswendig und diskutierten in den Kaffepausen und Seminaren intensiv über jeden einzelnen von ihnen.

Es gab zuerst fast jeden Monat neue Entdeckungen; später dann fast jede Woche. Irgendwann waren so viele Planeten bekannt, das man kaum mehr den Überblick behalten konnte. Nach meinem Diplomstudium begann ich selbst an der Erforschung der fremden Planeten zu arbeiten und konnte meine Studienobjekte aus einer Liste von mehr als 100 Himmelskörpern wählen.

Als ich nach meiner Dissertation an der Universität Jena als Wissenschaftler zu arbeiten begann, erregten neu entdeckte Planeten fast keine Aufmerksamkeit mehr. Die Liste der fremden Welten wuchs fast täglich und man diskutierte nur mehr über die spektakuläreren Funde. Im Jahr 2006 begannen die ersten Weltraumteleskope, nach extrasolaren Planeten zu suchen und wurden bald darauf in Massen fündig.

Am 22. Oktober 2013 enthielt die Liste der bekannten extrasolaren Planeten das erste Mal mehr als 1000 Einträge. Und kaum sechs Monate später hatte sich diese Zahl fast verdoppelt!

In nicht einmal zwei Jahrzehnten hat sich unser Weltbild komplett gewandelt. Jahrtausendelang haben wir Menschen uns gefragt, ob es anderswo im Universum auch noch Planeten gibt. 1995 gelang uns der erste Blick auf diese fremden Welten und heute sind sie fast schon zur Normalität geworden. Wir haben den Himmel tatsächlich völlig neu entdeckt und festgestellt, dass da draußen nicht nur unzählige Sterne sind, sondern auch ebenso unzählige Planeten.

Die Suche nach dem fremden Welten im Universum ist eine faszinierende Geschichte. Nach Jahrtausenden voller Spekulationen und nach Jahrzehnten voller Misserfolge haben wir nun innerhalb weniger Jahre auf diesem Gebiet mehr Fortschritte gemacht als irgendwo anders in der Astronomie im gleichen Zeitraum.

In meinem Buch „Die Neuentdeckung des Himmels“ haben ich probiert, diese spannende Reise allgemein verständlich zu erzählen. Von den griechischen Gelehrten der Antike über die Theologen des Mittelalters bis hin zu den Forschern der Neuzeit haben die Menschen sich gefragt, ob unsere Welt die einzige Welt im Kosmos ist und wir seine einzigen Bewohnern. Wir haben heute das große Glück, genau in der Zeit zu leben, in der wir auf diese jahrtausendealten Fragen eine Antwort finden können. Den ersten Teil der Reise haben wir schon zurück gelegt. Die fremden Welten sind gefunden und das in einer Anzahl und Vielfalt, die jede Vorstellung sprengt. Ob es auf diesen Planeten irgendwo auch Leben gibt, werden wir im nächsten Abschnitt der Reise herausfinden. Und die Antwort wird diesmal keine Jahrtausende auf sich warten lassen. Wenn es irgendwo dort draußen Leben gibt, dann werden wir es schon in den nächsten Jahrzehnten finden!

Florian Freistetter

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Astronom Florian Freistetter stellt sein aktuelles Buch in der Zentralbibliothek vor.

Die Thesen des aktuellen Buchs von Florian Freistetter diskutiert Ralf Krauter mit dem Autor und dem DLR-Astronom Manfred Gaida am

Mittwoch, 26. März 2014, um 19 Uhr

in der Zentralbibliothek am Neumarkt.

Das Gespräch gehört zur Reihe „Wissenswert – Themen am Puls der Zeit“. Die Stadtbibliothek kooperiert bei der Veranstaltung mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR).

Der Eintritt kostet im Vorverkauf sieben, ermäßigt fünf Euro. An der Abendkasse beträgt der Eintrittspreis acht und ermäßigt sechs Euro. Im Vorverkauf sind die Karten bei „Köln Ticket“ im Internet oder telefonisch unter 0221/2801 erhältlich. Unter der Telefonnummer 0221/221-23939 nimmt die Stadtbibliothek auch Reservierungen entgegen.

Karten gewinnen: „BE – Das Leben des größten deutschen Filmproduzenten und Drehbuchautors Bernd Eichinger“

30 Aug

Unsere Veranstaltungsreihe „Wissenswert – Themen am Puls der Zeit“ geht in eine neue Runde. Und klar, wir verlosen auch wieder fleißig Freikarten. Los geht’s!

„Dass ich einmal seine Biografie schreiben würde, daran hatte mein Mann keinen Zweifel. Ich schon. Aber er, der immer ein seltsam übersinnliches Gefühl für die Zukunft hatte, erzählte mir trotzdem alles. Manche Geschichten auch mehrmals. „Hör zu, merk dir das“, sagte er gelegentlich. Ich rollte zwar mit den Augen, aber ich merkte es mir.“

Zwei Monate nach dem Tod Bernd Eichingers im Januar 2011 begann Katja Eichinger, das Leben ihres Mannes aufzuschreiben: eine schwierige Kindheit im Internat, die Filmhochschule in München, Erfolge in Deutschland.

Auch seine Affären, die Dramen, die sich am Filmset abspielten, seine Einsamkeit in Hollywood und die Rückkehr nach München beschreibt Katja Eichinger. Sie erzählt zudem von seinen großen Erfolgen, von Filmen wie „Der Name der Rose“ oder „Das Parfum“, von seiner Kompromisslosigkeit und von dem großen Glück, das sie miteinander fanden. (Aus dem Veranstaltungskalender der Stadt Köln)

Am 18. September um 20 Uhr findet das Gespräch zwischen Katja Eichinger und Gisela Steinhauer in der Zentralbibliothek am Neumarkt (Josef-Haubrich-Hof 1, 50676 Köln) statt.

Alle Kommentare zu diesem Artikel nehmen an der Verlosung von 2×2 Karten für die Veranstaltung teil. Die Gewinner benachrichtigen wir per Mail. Die Losbox ist bis zum 3.9.2012 geöffnet.

Viel Spaß!

ck

Foto: http://media.hoffmann-und-campe.de/media/print/50253_1_eichinger_bb_web1.jpg

Karten gewinnen: David Graeber – „Schulden. Die ersten 5.000 Jahre“

10 Mai

„Seit der Erfindung des Kredits vor 5.000 Jahren treibt das Versprechen auf Rückzahlung Menschen in die Sklaverei. Die Geschichte der Menschheit erzählt David Graeber als eine Geschichte der Schulden: eines moralischen Prinzips, das nur die Macht der Herrschenden stützt. Damit durchbricht er die Logik des Kapitalismus und befreit unser Denken vom Primat der Ökonomie.

Graeber sprengt die moralischen Fesseln, die uns auf das Prinzip der Schulden verpflichten. Denn diese Moral ist eine Waffe in der Hand der Mächtigen. Die weltweite Schuldenwirtschaft ist eine Bankrotterklärung der Ökonomie. Der Autor enttarnt Geld- und Kredittheorien als Mythen, die die Ökonomisierung aller sozialen Beziehungen vorantreiben.“ (aus dem Veranstaltungskalender der Stadt Köln)

David Graeber stellt sein Buch „Schulden. Die ersten 5.000 Jahre“ am 22. Mai in der Zentralbibliothek vor. Beginn ist um 20 Uhr.

Eine kleine Einführung zum Thema Schulden mit anschließendem Gespräch mit dem Autor David Graeber liefert die 3sat Kulturzeit:

Wir verlosen wieder unter allen Kommentaren 2×2 Freikarten für die Veranstaltung. Die Teilnahme ist bis zum 14. Mai möglich. Die Gewinner benachrichtigen wir per Mail.

Viel Spaß und viel Erfolg!

ck