Hitchcocks bibliothekarisches Vermächtnis: „Im Schatten des Zweifels“

10 Jul

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Verschroben, streng, altjüngferlich: eine der klischeehaftesten Darstellungen von Bibliothekarinnen verdanken wir Alfred Hitchcock! Sein Film „Shadow of a doubt“ (Im Schatten des Zweifels) zeigt eine Kollegin als in die Jahre gekommene Fledermaus, die sich in ihrer Kleinstadt zur Hüterin von Kultur und Information aufspielt.
70 Jahre alt ist dieser Krimi, der als einer seiner Besten gilt (am Drehbruch strickte übrigens Thornton Wilder mit). Hitchcock selbst zählt ihn zu seinen Favoriten. Zu Recht! Bis heute thrillt er weniger durch action als durch unheilvolles Wissen. In diesem Sinne spielt die Schlüsselszene, der entlarvende Schock für die Hauptdarstellerin, in einer Bibliothek. Denn die junge hübsche Charlotte (Teresa Wright) entdeckt bei ihrer Recherche, das ihr smarter Onkel Charles (Joseph Cotten) ein Mörder ist (beide werden im Film Charlie genannt).
Die Szene beginnt mit einem ahnungslosen Tipp von Bücherwurm Ann (Edna May Wonacott), der kleinen Schwester von Charlotte. Das lässt Charlie kurz vor 21 Uhr zur Bibliothek eilen (man beachte die amerikanischen Öffnungszeiten von 1943), um einen Zeitungsartikel zu finden. Ins Bild kommt die „Free Public Library“ von Santa Rosa in Kalifornien, ein efeuumranktes Backsteingebäude, eine echte Carnegie-Bibliothek, 1904 gebaut und 1964 abgerissen. Zum Glockenschlag erreicht Charlie die bereits geschlossene Bibliothekstür. Sie läuft ein Stück zurück, um zu sehen, wie die Lichter des Hauses gelöscht werden. Zurück vor der Tür klopft sie erregt an die Scheibe (darauf wieder groß im Bild: die Öffnungszeiten).
Es folgt der Auftritt der Bibliothekarin Mrs Cochran (den Namen lieh sich Hitchcock aus „Our Town“, einem Theaterstück von Thornton Wilder – „Unsere kleine Stadt“). Perfekt ist Mrs. Cochran besetzt durch Eily Malyon, deren schauspielerische Karriere auf der überzeugenden Darstellung von Nonnen, Lehrerinnen und Gouvernanten basierte. Hier verkörpert sie den älteren Drachen mit strengen scharfen Gesichtszügen, weißgrauen Haaren und Dutt. Zwar trägt sie keine Brille, aber einen unvorteilhaft sitzenden dunklen Shirt-Dress, der übers Knie reicht und an einen Bademantel erinnert. Wenig Make-up, ein paar klassische Perlenohrringe und am Handgelenk natürlich eine Uhr. Widerwillig öffnet sie die Tür, um Charlie einen Kurzvortrag über die Bibliotheksregeln zu halten:

„Wirklich, Sie wissen so gut wie ich, die Bibliothek schließt um 9 Uhr! Wenn ich eine Ausnahme mache, muss ich tausend machen. Ich muss mich schon wundern, Charlie, Sie nehmen keine Rücksicht! Sie haben den ganzen Tag Zeit, hierher zu kommen … Ich gebe Ihnen nur 3 Minuten!“

Charlie entschuldigt sich flüchtig und stürzt zum (für eine Kleinstadt-Bibliothek eindruckvoll umfangreichen) Tageszeitungsangebot. Sie findet den Artikel, aus dem sie schlussfolgert, dass ihr Onkel ein Serienmörder ist. Die dramatische Wende unterstreicht die Musik und eine meisterhafte Kamera. Charlie erhebt sich konfus und paralysiert. Die Kamera schwebt in die Vogelperspektive und schenkt uns einen schönen Blick auf die Innenausstattung der Carnegie-Bibliothek. Wir sehen den großen hölzernen Ausleihtresen, Tische und Stühle, klassische Säulen, Türen und Einblicke in die angrenzenden Räume. Die Bibliothek als solides Konzentrat der Kleinstadt-Idylle und einsam und allein darin eine junge Frau, deren Welt durch einen Zeitungsartikel zersplittert.
Aber warum ist die winzige Rolle der Bibliothekarin in diesem Film so wichtig?
Nun sie steigert die Spannung, in dem sie ein Hindernis darstellt, im Wettlauf Charlies gegen die Zeit und Möglichkeit etwas Lebenswichtiges herauszufinden. Mrs Cochran ist die Türhüterin zur Lösung des Rätsels. Ihr Haus verfügt über die Information, die alles verändert. Gleichzeitig ist sie als Inkarnation eines Berufesbildes stilbildend.
Die wenig erfreuliche Erkenntnis der 70jährigen Erfolgsgeschichte dieses Films aus bibliothekarischer Sicht: Bibliotheken haben sich weitreichend verändert, ebenso wie Berufbilder und Qualifikationen. Nur bei Filmemachern scheint sich seit Hitchcock nichts am Bild der Bibliothekarin als Schreckgespenst geändert zu haben. (Wobei Ausnahmen leider die Regel bestätigen!)

  • gp

    Hier die Bibliotheksszene.
    Und wer möchte, gleich der ganze Film!

  • Eine Antwort to “Hitchcocks bibliothekarisches Vermächtnis: „Im Schatten des Zweifels“”

    1. C. Stampfel 11/07/2013 um 16:40 #

      Heute am Donnerstag ist die Öffnungszeit der Zentralbibliothek in Köln bis 20:00 Uhr. Welche Bibliothekarin oder welcher Bibliothekar wäre bereit, eine ihm bekannte Person nach 20:00 Uhr in die Bibliothek einzulassen, damit diese in einer Zeitung stöbern kann? Und die Kleidung der Bibliothekarin finde ich korrekt. Ich habe schon Bibliothekspersonal mit Spaghetti-T-Shirts gesehen, bei denen man/frau bis zum Bauchnabel sehen konnte.

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