Gierige Bibliothekarinnen und ihre Abgründe

15 Apr

Noll

Bibliothekare sind nicht gerade von Altersarmut bedroht. Zumindest nicht, wenn sie lange genug gearbeitet haben. Gerne könnte es ein bisschen mehr sein, sagt sich auch die Ex-Bibliothekarin Karla Pinter, und unverhofft bietet sich der 60jährigen Rentnerin diese Chance. Kollege Wolfram (todkrank und wie sie im Ruhestand) macht ihr ein großzügiges Nachlassangebot. Im Gegenzug bittet er sie um Sterbehilfe…

Bestseller-Autorin Ingrid Noll (78) bestätigt, dass sie ihre Hauptfiguren gern ambivalent zeichnet. „Ich lebe in einer bürgerlichen, vielleicht sogar etwas spießigen Gesellschaft. Gerade bei den braven grauen Mäusen, die mir ein bisschen ans Herz gewachsen sind, sieht es im Innern oft anders aus!“ Als grauste aller grauen Mäuse gilt seit jeher die Bibliothekarin. In ihrem jüngsten Roman „Hab und Gier“ erzählt eine von ihnen (Karla) aus der Ich-Perspektive, wie sie in kriminelle Versuchung gerät.

Das Buch lässt sich auch als „Breaking-Bad“-light-Version lesen. Wie der biedere Chemie-Lehrer Walter White aus der US-TV-Serie gerät hier eine ehemals städtische Angestellte auf die rutschige Bahn des Verbrechens. Selbstredend Lichtjahre entfernt vom amerikanischen Drogensumpf. Aber in badischer Beschaulichkeit entfaltet sich ein ähnliches Strickmuster. Vergleichsweise bescheiden giert man im deutschen Heimatkrimi nach Hab und Gut. Ingrid Noll: „Über professionelle Kriminelle oder übers Rotlichtmilieu kann ich nicht schreiben, weil ich mich dort nicht auskenne.“

Da stellt sich aus unserer Sicht die Frage, wie es mit Kenntnis der bibliothekarischen Arbeitswelt aussieht? Zwei Bibliothekarinnen und ein Bibliothekar vermitteln dem Leser Einblicke in ihren Beruf. Von Karla erfahren wir, dass sich eine Bibliothek mit der „Ausleihe und Verwaltung von Büchern“ beschäftigt. Sie ist froh vorzeitig aus dem Dienst ausgeschieden zu sein: „Den Kampf mit unbekannten audiovisuellen Medien und immer neuer Software hatte ich längst aufgegeben.“ Einziger privater Kontakt ist ihre weitaus jüngere Kollegin Judith, die so Karla: „nicht alles gelesen hat, was sich für eine Bibliothekarin gehört“. Judith mag nur Krimis. Beide verbindet eine tiefe Abneigung gegen Kinder.

Für Bildung im eigentlichen Sinne stehen nur Karla und Wolfram. Sie: „Schon immer fand ich es wunderbar … den Klappentext neuer Klassikerausgaben und frischer Bestseller zu lesen“. Er: „wir zwei kennen unsere Dichter noch aus dem Effeff. Das junge Gemüse heutzutage [gemeint ist Judith] weiß kaum noch wer Möricke ist…“.

Bibliothekar Wolfram wiederum wird von Karla als typischer Bücherwurm gesehen: „weltfremd, versponnen und altmodisch.“ Der stille und zurückhaltende Opernfreund war zwar „der einzige Mann unseres Teams gewesen, sozusagen der Hahn im Korb, hatte aber nie den Gockel gespielt, galt eher als Neutrum oder – um im Bild zu bleiben – als Kapaun.“

Das lassen wir alles unkommentiert stehen und erfreuen uns lieber daran, dass sich Karla als immer skrupelloser, Judith energisch kriminell und Wolfram als ein bisschen pervers entpuppt.

Ingrid Noll ist ein flüssig und schlüssig geschriebenes Stück Spannung gelungen, das sich mit viel humoristischer Rabenschwärze in einem Rutsch durchlesen lässt.

gp

P.S.: Wer nach dem Lesen dieses Buches noch mit dem Gedanken spielt, Bibliothekar/in zu werden, dem sei diese Lektüre empfohlen.

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