„Die unheimliche Bibliothek“ saugt Dein Gehirn aus

31 Okt

murakami

Da können wir nur froh sein, dass Haruki Murakami dieses Jahr wieder haarscharf am Literatur-Nobelpreis vorbei geschrammt ist. Denn sonst wäre sein druckfrischstes Buch auf Deutsch womöglich in aller Munde. So aber bleibt „Die unheimliche Bibliothek“ vermutlich eher etwas für Fans des japanischen Autors und Bewohner von Bücherwelten.

 Als Letztere kommen wir nicht umhin, Stellung zu beziehen. Besonders weil in dieser Erzählung eine Stadtbibliothek die Hauptrolle spielt. Selten genug findet sie Erwähnung in der Weltliteratur. Umso gespannter ist man auf die Lektüre. Um es kurz zu machen: Diese „unheimliche Bibliothek“ ist ein ziemlich übles Loch!

 Doch zunächst Entlastendes: das 63seitige Buch erschien erstmals vor acht Jahren in Japan und die Story spielt offensichtlich in grauer Internet-Vorzeit. Und der namenlose Jugendliche, aus dessen Perspektive sie erzählt wird, passt eher in die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Damals war es in Büchereien noch „sehr still“ und man ging dorthin, um etwas „herauszufinden“.

 Auf das, was unser Protagonist in der Stadtbücherei erlebt, wollen wir hier nicht eingehen. Das wäre interessierten Lesern gegenüber auch nicht fair, umfasst der reine Text doch gerade 39 Seiten. Die restlichen füllen düstere Illustrationen von Kat Menschik (die FAZ-Kennern ein Begriff sein dürfte). Zur „Bibliothek“ nur soviel: sie entpuppt sich als unterirdischer Ort des Horrors, der Bibliothekar als gehirnaussaugender Zombie. Und unser jugendlicher Held steht in den Kerkern des Magazins Todesängste aus. Positive Signale gehen nur von dem (Murakami-Kennern geläufigen) Schafsmann und einem schönen Mädchen aus

Kein Wunder, das der Junge nach überstandenem Höllentrip, nie wieder eine Stadtbibliothek betreten möchte. Immerhin erlösen uns als Bibliotheksmitarbeiter die letzten Zeilen, die vermuten lassen, dass es sich es insgesamt nur um einen Albtraum in einer japanischen Einrichtung handeln kann.

 Zum Nachgrübeln verleitet uns der Schafsmann mit seiner Reproduktionstheorie des Geistes. „Alle Bibliotheken“, will er uns weismachen, saugen ihren Nutzern das „mit Wissen vollgestopfte“ Gehirn aus, denn „sie müssen das Wissen, das sie verleihen, wieder ergänzen.“

Diese Erkenntnis müssen wir erstmal verdauen!

 gp

P.S.: Eine originelle Rezension verfasste Kollege Gerald Schleiwies aus Salzgitter, dessen Phantasie uns in das Kellerlabyrinth seiner Stadtbibliothek lockt.

Haruki Murakami: Die unheimliche Bibliothek. DuMont Verlag, Köln 2013 (Bei uns unter der Signatur: U Murakami)

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